###CONTENT_LEFT###
###CONTENT_RIGHT###

analyse:berg - neue Fachzeitschrift - Seilschaftsabsturz bei Waidring

Wien, Innsbruck, Salzburg, Klagenfurt, 26. Oktober 2011 - Via Internet können Sie ab sofort unsere neue Fachzeitschrift analyse:berg abonnieren. Ausgewählte Unfälle und Rettungsaktionen werden darin von Experten bzw. Einsatzkräften analysiert und ausgewertet - zu Zwecken der künftigen Unfallverhütung.  Als Leseprobe bringen wir hier den Bericht der Alpinpolizei (Martin Hautz) und die Analyse eines gerichtlich beeideten Sachverständigen (Walter Würtl) über einen tödlichen Seilschaftsabsturz. Bei diesem kamen 2010 ein Bergführer bzw. Heeresbergführer und eine Bergretterin aus Salzburg ums Leben ...

Zwei Tote. Verirrt in alpiner Route, Sicherung über Latschenkiefer ...

Drama zweier Salzburger im Tiroler Unterland - analyse:berg ist international die bisher einzige Fachzeitschrift für alpine Unfallanalyse - ein Gemeinschaftsprojekt des Kuratoriums für alpine Sicherheit (KURASI), Österreichs Alpinpolizei, des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) und des Österreichischen Bergrettungsdienstes (ÖBRD). Daten & Fakten als Grundlagen der Analysen stammen aus amtlichen Erhebungen der Alpinpolizei. Redaktion: Hanno BILEK (KURASI), Hans EBNER (Leiter der Alpinpolizei im Bundesministerium für Inneres), Gerald LEHNER (ÖBRD). Beirat: Walter WÜRTL & Peter PLATTNER (bergundsteigen, ÖAV).

Analyse von Mag. Walter Würtl

Würtl, geboren 1969, lebt und arbeitet in Innsbruck, gehört als ehrenamtlicher Bergretter seit langer Zeit zu unserer Ortsstelle Kitzbühel. In der oft sehr emotionalen Welt alpinistischer Debatten und Mutmaßungen vertraut er mehr auf Daten & Fakten und ihre Aussagekraft. Er klettert viel, hat Familie mit zwei kleinen Kindern und möchte auch deshalb immer gesund nach Hause kommen.

(Alpinwissenschafter, staatl. geprüfter Berg- und Skiführer, Ausbildungsspezialist des Österreichischen Alpenvereins, gerichtlich beeideter Sachverständiger, Redakteur der Fachzeitschrift bergundsteigen, Bergrettungsmann, früherer ÖBRD-Bundesfachreferent für Lawinenkunde)

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass Unfallanalysen in erster Linie dazu da sind, um mögliche – evtl. bis dato unbekannte oder auch sehr häufig auftretende – Fehlerquellen zu identifizieren, damit diese in der Alpinausbildung zukünftig berücksichtigt werden können und somit der Unfallprävention dienen. Es geht also explizit nicht um Schuldzuweisungen oder um Verurteilungen, sondern um das Lernen aus Fehlern, die andere gemacht haben. Von dieser Seite betrachtet, kann selbst ein dramatisches Unglück, bei dem zwei Menschen ihr Leben verloren haben, noch einen letzten Sinn machen. Der vorliegende  Unfall ist ein sehr prägnantes Beispiel dafür, wie wertvoll die akribische Ermittlungstätigkeit der Alpinpolizei ist, da ohne die mit „kriminaltechnischem Geschick“ und exzellentem alpinen Fachwissen geführten Erhebungen eine Aufbereitung für eine interessierte Öffentlichkeit unmöglich wäre. Während man bei ähnlichen Fällen in anderen Ländern und Weltgegenden für immer vor ungelösten Rätseln und vielerlei Spekulationen stünde, können wir uns in Österreich glücklich schätzen. Wir haben nämlich künftig die fachlichen Ressourcen, amtlichen Berichte und Daten der Alpinpolizei für die Aufarbeitung in analyse:berg zur Verfügung. Das nützt direkt und indirekt allen, die ins Gebirge gehen. Lassen wir hier kurz auch die Exekutive zu Wort kommen ...

"Keine andere Polizeibehörde und kein anderes Innenministerium in der Welt folgen bisher diesem Beispiel zur angewandten Unfallverhütung in den Bergen", sagt dazu unser Redaktionskollege Hans Ebner, Kommandant der Alpinpolizei in Österreich: "Natürlich gilt laut Ministerium die rechtliche Voraussetzung, dass alle personenbezogenen Daten anonymisiert verwendet werden. Symbolisch bewahrheitet sich mit unserer Mitwirkung bei dieser Fachzeitschrift einmal mehr, dass sich die Alpinpolizei auch als `Freund und Helfer` aller Bergsportler betrachtet - nicht nur als ermittelndes Organ der Staatsanwaltschaften."

Erster unfallkausaler Aspekt: Versteigen in alpiner Kletterroute

Das Wetter war zum Zeitpunkt der Unfallerhebung am gleichen Tag strahlend. Vermutlich herrschten zum Zeitpunkt des Absturzes hier ähnliche Bedingungen.

Zurück zu den zwei Toten beim Klettern auf der Waidringer Steinplatte: Wie dem amtlichen Einsatzbericht der Alpinpolizei von Martin Hautz (siehe unten verlinkt) zu entnehmen ist, hat sich die Seilschaft wahrscheinlich nach der ersten Seillänge des "Pfeilerweges" massiv verstiegen.

Dass es beim Alpinklettern immer wieder dazu kommt, dass man sich versteigt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Schlechte Sicht durch Nebel ist im vorliegenden Fall sicher nicht ganz auszuschließen, wenngleich nach den Ermittlungen eher von guten Sichtbedingungen ausgegangen werden kann. Die Bekleidung der beiden Toten  deutete eher auf angenehme Wetterbedingungen hin. Ein Grund für das versehentliche Abkommen von der Route könnte darin liegen, dass man sich als Kletterer am Einstieg noch recht sicher ist, eine „Pfeilertour“ leicht finden zu können, und den Kletterführer daher im Rucksack lässt. Leider zeigt die Praxis immer wieder, dass man sich auch in scheinbar einfach zu findenden Routen wie an Kanten oder Graten kolossal versteigen kann.

In diesem Zusammenhang ist jedem Alpinkletterer nur anzuraten, das Topo oder die Routenbeschreibung griffbereit in der Jacken- oder Hosentasche zu haben. Dass man sich – wie hier passiert – im einfachen Schrofengelände leichter versteigen kann als im „schweren Fels“, ist insofern einleuchtend, da die Routenführung weit weniger zwingend ist. Man findet hier viele Möglichkeiten, höher zu steigen. Dass die Seilschaft nach der ersten Seillänge von dem "Pfeilerweg" abgekommen ist, mag auch daran liegen, dass die zweite Seillänge im Original recht unschwierig (UIAA II) in eine markante Verschneidung führt. Wenn man aber eine Route wie den „Pfeilerweg“ im IV. Schwierigkeitsgrad erwartet, kann es schon passieren, dass man nach links über Schrofengelände einen leicht ausgeprägten Pfeiler erklettern möchte; leider den falschen.

So genannte „Verhauer“ sind so lange kein Problem, so lange man immer wieder Sicherungspunkte findet, bei denen man gegebenenfalls auch wieder abseilen könnte und die Kletterschwierigkeit nicht zu hoch wird. Werden die Sicherungspunkte jedoch zunehmend weniger, der Fels brüchig oder das Gelände zu schwierig, sollte man in alpinen Routen keinesfalls die „Flucht nach vorne“ antreten, sondern sich möglichst rechtzeitig die Situation verdeutlichen, sich den Verhauer eingestehen und versuchen, wieder die Originalführe zu erreichen.

Besonders tragisch ist im vorliegenden Fall der Umstand, dass die rettende Zwischensicherung in Form einer ausgeprägten Felszacke oberhalb einer kurzen, aber schwierigen Wand beim Absturz schon fast in Reichweite des Vorsteigers gewesen sein muss. Hätte er sie erreicht wäre vielleicht gar nichts geschehen? Doch wie schon angesprochen, kann es selbst dem besten Alpinisten passieren, dass er sich versteigt.

Zweiter unfallkausaler Aspekt: Standplatzbau an Latschenkiefer

Reste des ausgerissen Wurzelwerks an der Unfallstelle. Bilder: Martin Hautz, Alpinpolizei

Im Klettersport gibt es sehr deutliche Empfehlungen, auf dem Standplatz immer zwei voneinander unabhängige Sicherungspunkte zu verwenden. Diese beiden Punkte sollten von möglichst guter Qualität sein, damit ein Versagen des Standplatzes ausgeschlossen werden kann. Obgleich in der jüngeren Vergangenheit immer wieder kontroversiell diskutiert, spielt es dabei eine deutlich untergeordnete Rolle, ob man die beiden Fixpunkte in Form einer Reihe oder eines Ausgleichs verbindet – wichtig ist, dass sie stabil sind und halten.

Wie überall, gibt es jedoch auch im Standplatzbau Ausnahmen, die es rechtfertigen, auf die Redundanz zweier Sicherungspunkte zu verzichten. Eine massive Sanduhr, ein großer Klemmblock, ein Felskopf oder ein Baum zählen zu diesen Ausnahmen und können auch als Einzelpunkt einen Standplatz bilden. Wichtig dabei ist aber auch, dass die Sanduhr nicht gebrochen ist, der Klemmblock nicht wackelt, der Felskopf deutlich ausgeprägt ist oder der Baum eine gewisse Stärke hat. In jedem dieser Fälle gibt es spezielle Empfehlungen, wie der Fixpunkt auszusehen hat und wie der Stand anzulegen ist. Bei Bäumen schaut die Empfehlung so aus, dass sie „grün“ sein müssen – also nicht abgestorben sein dürfen und von der Dicke her ca. einem Unterschenkel eines Erwachsenen entsprechen müssen.

Latschenholz zwar hart, aber spröde und wenig elastisch

Teil der abgerissenen Latschenkiefer, an dem die Verunglückten ihren Standplatz eingerichtet hatten. Der Durchmesser des Holzes beträgt ca. sieben Zentimeter.

Wenn man weiß, welche Kraft Latschenkiefern, auch Legföhren genannt, im Winter aushalten, sodass sie selbst in Lawinenstrichen aufkommen können, und man sieht, wie exponiert sie sich im steilen Schrofengelände halten können, ist die Annahme grundsätzlich richtig – in Ermangelung besserer Alternativen – an diesen eine Sicherung anzubringen. Fatal kann sich dabei jedoch der Umstand auswirken, dass das Holz der Latschenkiefer hart und wenig elastisch ist - also eher spröde; in der allgemeinen Festigkeitslehre eine ausgesprochen negative Eigenschaft, die rasche Brüche begünstigt. Dazu kommt noch, dass der eigentliche Schwachpunkt nicht der holzige Stamm sondern die Wurzelverankerung dieser Pflanze im Boden ist.

Nicht selten sieht man alte, dicke Latschen, die jedoch nur noch über schwache Wurzeln verfügen - bzw. bei denen ein Teil der ursprünglichen Wurzeln bereits abgebrochen oder abgestorben ist. Insbesondere in Felswänden, wo Risse mit verfügbarem Boden und Humus nicht sehr tief sind, oder im Schrofengelände, wo der Wurzeldruck das Gestein „zerrüttet“ oder abgesprengt hat, können Latschen keine größeren zusätzlichen Kräfte aufnehmen. Laut den Erhebungen der Alpinpolizei war die abgebrochene Hauptwurzel nur rund einen Daumendurchmesser dick, der restliche Wurzelverbund war mit der Latschenkiefer herausgerissen worden.

HMS-Sicherung: Wurzel war 450 Kilogramm nicht gewachsen

Würtl betont, kleinere Felsköpfe seien als Verankerungen oder Zwischensicherungen bei "Verhauern" = Verirrungen im hakenlosen Gelände immer vorzuziehen. Latschenkiefern seien oft sehr schwach verwurzelt und zu vermeiden. Auch die Nutzung von Bäumen sollte immer klaren Kriterien folgen. Eine Kopie des Topos (genauer Routenverlauf) in der Hosentasche sowie die Mitnahme von Klemmkeilen und/oder Friends sind weitere Faktoren zur Lösung gefährlicher Probleme dieser Art.

Verwendet man einen Baum als Sicherungspunkt, sollte dabei auf einen möglichst geringen „Hebel“ geachtet werden. Je näher die Verankerung mit einer Bandschlinge an der Wurzel ist, desto geringer sind die auftretenden Kräfte bei der Belastung. Dies ist natürlich umso wichtiger, je dünner der Stamm ist. Die ca. 20 Zentimeter Abstand von der Wurzel bei einer ca. sechs Zentimeter dicken Latschenkiefer waren offensichtlich zu viel, um den Sturz des Vorsteigers in den Stand auszuhalten.

Wenn man davon ausgeht, dass die Kräfte bei der Verwendung einer HMS-Sicherung in jedem Fall unter 4,5 Kilo-Newton (= 4.500 Newton, entspricht einer Masse von ca. 450 Kilogramm) bleiben, egal, ob die Sturzhöhe zehn Meter oder mehr beträgt, ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass man sich auf Legföhren als Sicherungspunkte nur im Notfall und dann auch nur nach eingehender Prüfung verlassen sollte. Im Nachhinein betrachtet, wäre es nicht einmal auszuschließen, dass der gewählte Standplatz auf der Waidringer Steinplatte auch bei einem Rückzugsmanöver versagt hätte.

Fazit

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Seilschaftsabstürze beim Alpinklettern insgesamt gesehen nicht sehr häufig sind. Kommt man jedoch von der vorgegebenen Route ab und gerät in schwieriges Gelände, kann es immer zu gefährlichen Situationen kommen. Eine gute Tourenvorbereitung und ein konsequentes Festhalten am vorgegebenen Routenverlauf sind hier absolut vorrangig. Beim Standplatzbau ist einmal mehr zu betonen, dass dieser sozusagen die Insel der Sicherheit ist, die in jedem Fall eine Sturzbelastung aushalten muss. Selbst wenn ein Sturz des Kletterpartners noch so unwahrscheinlich ist, darf hier kein Kompromiss eingegangen werden.

Schlussbemerkung
In den vorliegenden alpintechnischen Betrachtungen ist es nicht darum gegangen, die vielen „richtigen“ Entscheidungen der Unglücksseilschaft anzuführen, sondern nur die wenigen unfallkausalen Fehlermöglichkeiten herauszustellen. Dies in der Hoffnung, dass Seilschaftsabstürze dieser Art in Zukunft vermieden werden können.

----------------------
Behördlicher Bericht der Österreichischen Alpinpolizei
nach umfassenden Erhebungen an der Unfallstelle, verfasst von Martin Hautz, Experte und Bergführer der Exekutive:
Lesen Sie mehr ...

----------------------

ABO-Bestellungen via Internet

Die erste Ausgabe von analyse:berg hat den Unfallsommer 2011 zum Hauptthema. Enthalten ist neben vielen anderen Analysen auch ein großes Feature über den Unfalltod dreier Polen auf dem Großglockner, der international für enormes Aufsehen sorgte. Derzeit bieten wir für Leserinnen und Leser folgende Konditionen mit Sonderpreisen für Bergretter, Alpinpolizisten und Abonnenten der Fachzeitschrift "bergundsteigen" an:

Normalpreise analyse:berg:
Inland 2 Hefte (Sommer + Winter) € 17,00
Ausland 2 Hefte (Sommer + Winter) € 20,00

Sollten Sie Abonnent/in der Zeitschrift "bergundsteigen" sein, erhalten Sie analyse:berg zu folgenden Preisen: Inland 2 Hefte (Sommer + Winter) € 13,50Ausland 2 Hefte (Sommer + Winter) € 16,00

Sollten Sie Mitglied des Österreichischen Bergrettungsdienstes sein, erhalten Sie analyse:berg zu folgenden Preisen: nur Inland 2 Hefte (Sommer + Winter) € 15,00

Sollten Sie Alpinpolizist/in sein, erhalten Sie analyse:berg zu folgenden Preisen: nur Inland 2 Hefte (Sommer + Winter) € 15,00

Ihre Bestellung via Web ...