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Alaska: Fahrlässiger Tod von 350 Menschen

Dieses Buch beleuchtet eines der - wie es hieß - "furchtbarsten, sinnlosesten und fahrlässig herbeigeführten Schifffahrtsunglücke in der Geschichte Nordamerikas", das sich durch Einhaltung einfacher Verhaltensregeln vor und nach der Kollision mit dem Riff vor Alaskas vergletscherten Küstenbergen hätte verhindern lassen. So sehen es zumindest Fachleute.

Wenn ein Mensch, wenn einige, Dutzende oder Hunderte Menschen sterben, immer sollte eine gewissenhafte und faktisch harte Analyse der Vorgänge auf das Unabänderliche folgen – einerseits gerichtlich-behördlich, andererseits aus der Sicht von Einsatzkräften und Helfern. Nur auf diese Art lässt sich aus grauenvollen Dingen für bestmögliches Dasein der Menschheit lernen. Das betrifft Schifffahrt, Fliegerei, Schienenverkehr und andere Bereiche; auch Alpinismus und globalisierten Tourismus generell.

Menschheitsthema: Vertuschung nach Katastrophen?
Das Buch der beiden kanadischen Autoren zeichnet anhand penibler Recherchen in historischen Archiven den Tod nach - von 350 Passagieren des Linienschiffes „Princess Sophia“ in der schon sehr langen Herbstnacht von 25. auf 26. Oktober 1918. Viele Jahrzehnte später werfen die Autoren wichtige Fragen auf. War die behördliche Untersuchung der Katastrophe eine Weißwaschung und Vertuschung fragwürdigen Verhaltens von Schiffsführung und Reederei? Frage wie diese betreffen nicht nur diese eine Tragödie für Schiffspassagiere. Nicht selten bleiben nach Katastrophen viele Fragezeichen und ungeklärte Schuldfragen, die nicht nur mit "Schicksal", "Restrisiko" oder "höherer Gewalt" abgetan werden können - und nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent.

Die „Princess Sophia“ war als letztes Schiff vor Winterbeginn im Herbst 1918 auf dem Pazifik in Küstennähe auf dem Weg von Südost-Alaska nach Süden in Richtung Victoria und Vancouver/British Columbia. Das Schiff hatte zahlreiche Passagiere und verspätete "Sommerfrischler" aus Dawson City an Bord, die über den Einschiffungspunkt Skagway am Ende des Landweges über die Küstenberge dem subarktischen Winter in der ehemaligen Goldrausch-Metropole am Klondike im hohen Norden Kanadas entfliehen wollten.

350 Tote – genug Zeit zur Rettung vorhanden
Bei Schneesturm und schlechter Sicht – ohne Radar zu jener Zeit - ließ der Kapitän die „Princess Sophia“ mit voller Geschwindigkeit auf dem "Lynn Canal" dampfen, einem weiten und oft stürmischen Fjord des Pazifischen Oezans südwärts - am prachtvoll vergletscherten Küstengebirge entlang. Allerdings sind diese einzigartigen Reize nur bei Schönwetter zu genießen. Fast in Sichtweite von Juneau, der Hauptstadt Alaskas, fuhr das Schiff im Fjord auf das Vanderbilt Riff auf – an sich schon gefährlich genug für die Menschen an Bord. Sie hatten jedoch großes Glück. Vorerst.

Der Schiffskörper blieb liegen, war offenbar unversehrt geblieben, und die Besatzung hoffte darauf, dass mit Flut das Fahrzeug wieder seetauglich werden könnte. Aufgrund weiterer bizarrer Entscheidungen des Kapitäns sollte die „Princess Sophia“ nicht sofort evakuiert werden. Der Kommandierende und sein Erster Offizier waren von sich sehr überzeugt und lehnten entscheidende Hilfe ab. Zahlreiche Besatzungen von anderen Schiffen und Lachsfischerbooten aus der Region um Juneau standen zur Übernahme der Menschen bereit. Das Drama wurde von einer erbarmungslosen Natur in der ersten Nacht nach dem Crash vollendet. Am Morgen des 26. Oktober 1918 war die „Princess Sophia“ verschwunden – vom dauernd zunehmenden Sturm weiter zerstört, dannn vom Riff gepeitscht und versenkt; und mit ihr alle Passagiere und Besatzungsmitglieder.

Direkt nach Erstem Weltkrieg: Zehntausende Grippe-Tote
Das Buch schildert nicht nur den Ablauf der Katastrophe und ihre physischen wie juristischen Folgen. Es zeigt in großartiger Weise viele Details der Regionalgeschichte jener Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg, der den äußersten Westen Nordamerikas zwar nicht geografisch tangiert hatte. Zahlreiche Kriegsheimkehrer der USA und Kanadas hatten von Europas Schlachtfeldern jedoch die Spanische Grippe nach Übersee eingeschleppt. Und so erfahren Leser auch Details über das Wüten dieser Seuche im Westen Amerikas – Dinge, die bisher in Europa kaum bekannt wurden. Allein in den kanadischen Städten Vancouver und Victoria am Pazifik starben Zehntausende Menschen an der Spanischen Grippe.

Das seemännische Desaster der  „Princess Sophia“ im Spätherbst 1918 fiel genau in diese bittere Zeit nach Kriegsende, wo ohnehin so viele Familien in Europa und Übersee ihre Toten, Schwerstverwundeten, Invaliden und gebrochenen Herzen zu beklagen hatten. Wer als Berg- und Skiführer, Bergretter, Alpinist, Wanderer, Auto-Tourist oder sonstwie im Westen zu tun hat, dem oder der sei dieses Buch ans Herz gelegt. Es führt uns ins Herz der Region; wie die meisten Geschichten und die Geschichte der Menschen, Gebirgler ... Das gilt für die meisten Regionen - ob in Österreichs Bergen, im Blickfeld der kanadisch-alaskanischen Küstenberge oder somewhere else ...

In memoriam "Hausl" Steiner
Diese Rezension sei der Erinnerung an unseren Bergrettungskameraden und Freund Balthasar "Hausl" Steiner gewidmet, der so oft im Nordwesten Kanadas an der Grenze zu Alaska glücklich war - ehe er in den heimatlichen Bergen in Leogang (Salzburger Pinzgau) bei gemeinnützigen Arbeiten an einem Klettersteig in den Tod stürzte. Hier gibt es einen Nachruf ... 

Gerald Lehner 

Bibliografie:
O`Keefe, Betty & Macdonald, Ian - The Final Voyage of the Princess Sophia. Did they all have to die? Verlag Heritage House. Surry, British Columbia, Canada, 1998. ISBN 1-895811-64-3