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Vergessen Sie "alpine Sicherheit"! Stellen Sie sich dem Risiko!

Bild: Gerald Lehner

"Bedenke, dass Du Deine innere Freiheit bewahrst, ob Du nun selbst Deine Meinung änderst oder dem nachgibst, der sie berichtigt. Auch dann vollzieht sich Deine Tätigkeit nach Deinem Willen und Urteil, ja sogar nach Deiner Absicht."

Marcus Aurelius, röm. Kaiser und Philosoph, 2. Jahrhundert n. Chr.

Sie finden hier nicht nur Weisheiten antiker Sprücheklopfer und auch keine Allheilmittel gegen Schuh-Blasen, Blitzschlag, offene Knochenbrüche, Seil-Riss oder Liebeskummer. Dazu und zum optimalen Inhalt Ihres Wander- oder Skitouren-Rucksackes gibt es ausgewählte Fachliteratur (übrigens weiter unten als Bibliografie für Sie zusammengeschrieben). Uns geht es hier um einige neue Grundlagen, um Ihr Basis-Verständnis, Ihr Wissen und Ihre Gefühle, Ihre eigene Lebenserfahrung in den Bergen.

Damit Sie viel Spaß im Gebirge haben, sich erholen, sanfter und effektiver trainieren oder voll verausgaben können - je nach Wunsch. Und damit Sie wieder gesund nach Hause kommen. Dadurch haben auch wir weniger Arbeit und Stress in der Nacht, bei sommerlichem Sauwetter oder im Schneesturm. Unsere Suchhunde bleiben dann bequem auf der Ofenbank liegen und rühren nur sanft das Ohrwaschel.

Was ist Risiko-Management?
Das ist natürlich überspitzt gemeint. Bitte vergessen Sie "alpine Sicherheit". Der Begriff ist tot. Es lebe der Begriff? "Alpine Sicherheit" ist noch in vielerlei Institutionen in Gebrauch - und immer auch noch bei uns, besonders bei Bergrettern, die nicht mehr ganz so jung sind. Wir sind die Bergrettung und keine Sprach-Polizei, dennoch spricht es sich auch bei uns langsam herum: Hier sollen/können sie hier kurz erfahren, warum laut neuestem Stand kaum ein Profi mehr von "alpiner Sicherheit" spricht. Die neue Mode (?) ist "Risiko-Management". Schon wieder Englisch?

Kurz gesagt: Der Mensch mit seinen Eitelkeiten als Risiko-Faktor ist bisher in Theorie und Praxis der Ausbildung zu kurz gekommen. Genauer gesagt: Der Mensch in größeren oder kleineren Gruppen wird heute von Experten und Psychologen als Haupt-Gefahr in den Bergen gesehen. Absolute Sicherheit gibt es nämlich nicht. Nirgendwo.

Nicht Ausrüstung ist das Problem

Wilder Kaiser von Nordosten ...
Wilder Kaiser von Nordosten. Bild: Gerald Lehner

Über Jahrzehnte hieß es: Wer sich gute und perfekte Ausrüstung kauft, ist für das Wandern oder das Hochgebirge bestens vorbereitet. Mittlerweile leben wir in einer bunten Flut hervorragender Produkte, die durch den Kauf im Fachhandel noch dazu vielerlei Prüf- und Sicherheitskriterien erfüllen.Warum geschehen dennoch Unfälle? Zwar werden es insgesamt und pro Kopf der handelnden Akteure immer weniger. Angesichts der ausgereiften Alpin-Technik zwischen Schuhsohle, Sitzgurt und Kletterhelm müsste die Zahl fast gegen Null tendieren. Dem ist nicht so. In Wahrheit ging es nie (nur) um Ausrüstung). Es geht im Grunde immer um das riskante Verhalten von Menschen. Und verschärft sich, wenn Menschen rudelweise oder in noch größeren Gruppen unterwegs sind.

Man weiß mittlerweile aus der Sozialpsychologie, dass Gruppen wesentlich risikofreudiger als Einzelpersonen sind. Das gilt für fast alle Bereiche unseres Lebens. Gruppen verstärken die Illusion, dass man kollektiv unverwundbarer, stärker, vielleicht sogar "unbesiegbar" sein könnte. Gruppen neigen dazu, Gefahren und ihre Auswirkungen zu unterschätzen. Auf kritische Mitglieder wird von der Gruppe Druck ausgeübt: "Na geh, ist doch net so schlimm. Komm schon, geh weiter. Nur eine kleine Erschöpfung (in Wirklichkeit ist es ein beginnendes Höhen-Lungen-Ödem oder ein Infarkt …)"

Kritik wird kaum toleriert
Konkretes Beispiel: Jemand hat beim Befahren eines verdächtigen Hanges ungute Gefühle - sei es eine junge Snowboarderin, ein Skitourengeher oder ein Variantenfahrer. Diese Person schweigt jedoch und fährt mit den Übrigen mit, weil scheinbar der Spaß der ganzen Gruppe auf dem Spiel steht. Gruppen verwenden kaum oder sehr wenig Zeit, um ein Problem näher zu besprechen.
Risiken gelten in unserer künstlichen Welt als unerwünscht.Es kommt oft zu schnellen und gefährlichen Entscheidungen. Die Unkontrollierbarkeit nimmt der Gruppengröße noch zu. So fahren alle elf hinein, und acht werden verschüttet - drei tot, einige verletzt und dadurch unfähig für Kameraden-Hilfe. Hier nutzen die modernsten und teuersten Verschütteten-Suchgeräte nichts, auch nicht die tollsten Snowboard-Hose und Jacken, die dem neuesten Stand der Material-Technik entsprechen.

Nicht die Welt neu erfinden

Hoher Göll, Ostwand über Kuchl bei Hallein.
Hoher Göll, Ostwand über Kuchl bei Hallein. Bild: Gerald Lehner

Bis hierher haben wir vielleicht so getan, als seien diese neuen Ansätze auf unserem eigenen Mist gewachsen. Man muss hinzufügen, dass diese Sichtweisen aus der internationalen Verkehrsfliegerei sowie der zeitgenössischen und sehr harten Ausbildung für Profi-Bergführer stammen. Und hierzulande sitzen Wegbereiter für den gedanklichen Umbruch im Österreichischen Alpenverein. Dort gibt es ein kleines und schlagkräftiges Team von Profis, Alpin-Pädagogen und Bergführern, die auch über geistes- bis naturwissenschaftliche Backgrounds verfügen und Themen der Nordwände nicht so eng sehen wie andere. Dieses Team beim Dachverband des Alpenvereins in Innsbruck hat es sich vor ein paar Jahren nicht nehmen lassen, ein Fach-Magazin für Bergsteigen und alpine Lebenskultur zu gründen, das einzigartig ist in Europa: "berg & steigen".

Lese-Tipp: "berg & steigen"
Der Österreichische Bergrettungsdienst empfiehlt Ihnen mit gutem Gewissen, besonders wenn Sie ehrenamtlich oder professionell im alpinen Bereich tätig sind: Abonnieren Sie dieses Magazin. Umfangreiche Material- und Taktik-Tipps, offene Diskussion sowie Forschung auf dem neuesten Stand werden geboten. berg & steigen gibt es auch als Online-Version. Wer das Magazin abonniert, bekommt über Internet vollen Zugang zum Archiv der Zeitschrift. www.bergundsteigen.at 

Weitere empfehlenswerte Literatur

Watzmannkind und Watzmann ...
Watzmannkind und Watzmann. Bild: Gerald Lehner

Wir haben noch eine kleine Literatur-Liste zusammengestellt, die Sie für Wandern, Bergsteigen, Biken, Klettern und Skitouren nutzen können. Manche Inhalte decken sich nicht unbedingt mit Ausbildungsrichtlinien für unsere eigenen Einsatzkräfte in der Bergrettung. Dennoch sind wir überzeugt, dass diese Bücher von großem Nutzen auch für Hobbysportler sein können. Sie können sie im Fachhandel bestellen oder auf den üblichen Online-Book-Services im Web.

Broschüre im Kleinformat für den Rucksack
Herausgeber: Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit. Titel: Bergwandern Sicherheitstipps, Innsbruck 2000. Anzufordern auch über die Website - www.alpinesicherheit.at

Wetter kann Gesundheit gefährden
Buchtipp: Sachweh, Michael: Bergwetter für Sport und Freizeit, Verlag BLV, München 2000, ISBN 3-405-15829-X

Behelfsmäßige Rettungstechnik für Bergsportler
Buchtipp: Durner, Günter & Römer, Alexander: Erste Hilfe - Bergrettung, AM-Berg Verlag, Garmisch-Partenkirchen 2002, ISBN 3-9807 101-2-2

Zeitgemäße Seiltechnik
Österreichischer Alpenverein (Hrsg.), Michael Larcher, Heinz Zak: Seiltechnik, 128 Seiten, 11,5 x 16,5 cm, zahlreiche Farb-Abbildungen, zweite komplett überarbeitete Neuauflage 2003, Verlag Heinz Zak, ISBN 3- 900122-00-8 Preis: Euro 9,90 exkl. VersandBestellung per email oder Telefon: 0512-59547-1 (ÖAV Innsbruck)

Ewiger Klassiker
Hoi, Klaus & Jenny, Dr. Elmar: Behelfsmäßige Bergrettungstechnik und Anleitung zur Ersten Hilfe, Bergverlag Rudolf Rother,München 1988, ISBN 3 7633 6070 - 0

Höher hinaus?
Österreichische Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin: Jahrbücher, Innsbruck. Kontakt: Univ. Doz. Dr. Franz Berghold bergi@eunet.at 

Liste in deutscher Sprache: ÖBRD-Sicherheitstipps (PDF-Download)

English: Safety Tips of Mountain Rescue (PDF-Download)