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Zwei Tote auf der Steinplatte - Polizeibericht von Martin Hautz

Hautz

(Leiter der Alpinen Einsatzgruppe Kitzbühel, Polizei-Bergführer, Abteilungsinspektor, staatl. geprüfter Berg- und Skiführer, Diplomskilehrer, Flight-Operator bei den Hubschraubern des Bundesministeriums für Inneres.)

Am 14. Oktober 2010 meldete um 13.39 Uhr ein Wanderer telefonisch über den Notruf der Bezirksleitstelle der Polizei Kitzbühel (BLS) einen Kletterunfall auf der Waidringer Steinplatte. Er habe soeben zwei Kletterer im Bereich des Zettensteiges (Wanderweg entlang des Wandfußes der Waidringer Steinplatte) leblos aufgefunden. Die Personen würden schwere Verletzungen aufweisen und seien nicht ansprechbar.

Der Anruf wurde sofort an die Leitstelle Tirol weitergeleitet. Diese verständigte Bergrettung und Notarzthubschrauber. Parallel fuhren der Beamte des Alpinjournaldienstes und ich als Leiter der Alpinen Einsatzgruppe Kitzbühel sofort zum Unfallort und führten die notwendigen Erhebungen. Aufgrund des Nebels konnte weder der Notarzthubschrauber noch der Polizeihubschrauber zum Unfallort fliegen. Die Bergretter der ÖBRD-Ortsstelle Waidring mussten wie alle andere Einsatzkräfte zu Fuß anrücken.

Das Duo aus dem Land Salzburg wollte offensichtlich die Klettertour „Pfeilerweg“ im Schwierigkeitsgrad IV+ begehen. Im Rucksack führten sie einen Kletterführer der Waidringer Steinplatte mit sich, in welchem das Topo dieser Route in die erste Seite eingelegt war. Der „Pfeilerweg“ ist eine viel begangene Tour. Alle Standplätze sind – bis auf den ersten Stand - mit Klebehaken ausgestattet, geschlagene Haken sind als Zwischensicherungen vorhanden.

Unfallhergang

Laut Erhebungen der Alpinpolizei haben sich der Bergführer und die angehende Bergretterin in der Wand verstiegen und sicherten sich dann über einen behelfsmäßigen Standplatz, der an einer Latschenkiefer verankert war. Diese riss beim Sturz des Vorsteigers aus.

Ein Zivil- und Heeresbergführer fuhr mit seiner Begleitung – einer Bergrettungsfrau in Ausbildung – am Morgen des 14. Oktober 2010 nach Waidring auf die Steinplatte, um dort gemeinsam die geplante Route „Pfeilerweg“ zu klettern. Beim Einstieg deponierten die beiden Salzburger Kletterer einen Rucksack mit ihren Wanderschuhen, eine Jacke sowie ein Paar Wanderstöcke.

Der Unfall dürfte sich im Laufe des Vormittages ereignet haben. Bei den Erhebungen an der Absturzstelle fanden die ermittelnden Beamten die Armbanduhr der Kletterin. Die Zeiger der Uhr waren um 11.20 Uhr stehen geblieben. So nehmen wir an, dass das der Zeitpunkt des Unglücks war. Knapp zweieinhalb Stunden später fand der Wanderer die beiden Toten auf der Waidringer Steinplatte im Nahbereich der Kletterroute „Pfeilerweg“. Die Absturzstelle befindet sich auf einer Seehöhe von ca. 1.765 Metern, ca. 100 Meter westlich des zweiten Standplatzes der Route „Pfeilerweg“.

Aufgrund der durchgeführten Erhebungen (Verteilung der Ausrüstung, Sicherungsgerät des Verunfallten hing an der Materialschlaufe seines Klettergurtes) nehmen die ermittelnden Beamten folgenden Ablauf an:

Der Bergführer kletterte als Seilerster voraus, die Bergrettungsfrau kletterte im Nachstieg. Am ersten Standplatz ist ein alter geschlagener Ringhaken mittels einer alten Reepschnur mit zwei Sanduhren verbunden. Danach führt die Originalroute nach rechts in eine markante Verschneidung. Die Seilschaft kam jedoch aus unbekannter Ursache nach links von der Route ab und kletterte über steiles Schrofengelände und anschließendem leicht ausgeprägten Pfeiler hoch. Ca. 50 Meter oberhalb des ersten Standes dürften die beiden ihren Standplatz an einer ca. sechs bis sieben Zentimeter starken Latschenkiefer aufgebaut haben.

Was sich dann genau abspielte, ist nicht mit Sicherheit rekonstruierbar, jedoch sind folgende zwei Varianten möglich: Der Vorsteiger ist vom Stand ca. drei Meter nach links und vier Meter nach oben geklettert und stürzte dort durch einen Felsausbruch ab (Ausbruch ca. 20 x 20 cm).

Keine Verbrennungen an Händen

Naheliegender erscheint jedoch die zweite Variante: Vom Stand kletterte der Vorsteiger in gerader Linie nach oben. Dabei handelt es sich um eine Stelle im oberen fünften Schwierigkeitsgrad, welche kleingriffig und nahezu senkrecht ist sowie kaum Trittmöglichkeiten bietet. Nach ca. vier bis fünf Metern bietet sich ein kleiner, aber sehr ausgeprägter Felszacken als Zwischensicherung an. Jeder erfahrene Alpinkletterer würde diesen als Zwischensicherung verwenden. Da an dem Zacken jedoch keine Sicherungsschlinge angebracht war, wird vermutet, dass der Vorsteiger vor dieser Sicherungsmöglichkeit abstürzte und somit direkt in den Stand (Latsche) stürzte. Auf die geringe Sturzhöhe deutet auch der Umstand hin, dass keine Verbrennungsmerkmale an den Handinnenflächen der Sichernden festzustellen waren.

Fast 100 Meter insgesamt abgestürzt
Der Sturzruck brachte die Latsche des Standes zum völligen Ausriss, weshalb beide Kletterer ca. 33 Meter über senkrechtes Gelände abstürzten und auf einem Graspolster aufschlugen. Anschließend stürzten die beiden Kletterer noch weitere ca. 60 Meter talwärts, bevor sie in einer Entfernung von ca. 3,30 Metern voneinander zum Liegen kamen. Die Absturzlinie befindet sich genau in der Falllinie zur ersten Aufschlagstelle und in weiterer Folge genau in Richtung der Endlage, weshalb angenommen wird, dass die zweite Variante eher die wahrscheinliche Unfallsituation ist. Alpinpolizisten fanden am Unfallort folgende Situation vor:

Die Unfallstelle befindet sich auf der Waidringer Steinplatte, oberhalb des Zustiegsweges zum Klettersteig „Schustergangl“, ca. 100 Meter westlich des zweiten Standplatzes der Kletterroute „Pfeilerweg“. Dort konnte bei den durchgeführten Erhebungen festgestellt werden, dass eine Latsche mit geringem Wurzelwerk ausgerissen wurde. Der Stamm der Latsche war ca. daumendick. In unmittelbarer Umgebung war ein ca. 50 cm langer Felsausbruch zu sehen, welcher etwas „erdig“ war. Alles deutet auf einen Ausbruch der Latsche hin. Ansonsten konnten keine Felsausbruchspuren, abgerissene Latschen oder Ähnliches festgestellt werden. Oberhalb dieses Latschenausbruches setzt sich ein ca. zehn Meter hoher, fast senkrechter Aufschwung an, unterhalb befindet sich ein ca. 50 Meter hoher, senkrechter Felsbereich. Im Bereich des gewählten Standplatzes ist es aufgrund der Felsbeschaffenheit kaum möglich, mittels mobilen Sicherungsgeräten einen guten Standplatz zu bauen.

Die beiden Abgestürzten befanden sich unterhalb der Einstiegsstelle. Die Kletterin war mit ihrer Selbstsicherungsschlinge in einer grünen, zwölf Millimeter breiten Bandschlinge eingehängt. Die Bandschlinge war zweifach um den Latschenstamm, ca. 20 cm vom Ende des Wurzelstocks entfernt, gelegt worden. In der Bandschlinge war zudem ein violetter Halbmastwurfkarabiner mit Schraubverschluss eingehängt, in welchen ein Halbmastwurfknoten zur Kameradensicherung eingelegt war. Das Seil von diesem Karabiner führte zum Vorsteiger. Die ausgegebene Seillänge vom Halbmastwurfknoten zum Vorsteiger betrug ca. fünf Meter. Zum Auffindungszeitpunkt herrschte auf dieser Seehöhe von 1.668 Meter dichter Nebel. Ca. 50 Meter oberhalb des Auffindungsortes befand sich die Nebelobergrenze. Darüber gab es Sonnenschein, es war wolkenlos. Der Bekleidung nach zu schließen – beide waren ohne Jacken unterwegs – kletterte das Duo oberhalb der Nebelgrenze, wo es deutlich wärmer und trocken war. Zur Unfallzeit waren die Felsen trocken.

Bergeeinsatz
Zeitgleich mit dem Notarzt des Rettungshubschraubers (NAH) Alpin Heli 3 aus Waidring gelangte die Bergrettung Waidring zu den Abgestürzten, wo der Notarzt des Hubschraubers gegen 14.35 Uhr nur noch den Tod der beiden Kletterer feststellen konnte.

Zum Zeitpunkt des Eintreffens der Alpinpolizisten waren die Bergretter der Bergrettungsstelle Waidring, Notarzt und Flugretter des NAH sowie der Bergrettungsarzt vor Ort, die Verunfallten befanden sich noch auf Anordnung des Ortsstellenleiters der Bergrettung Waidring in Unfallendlage.

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