Es gibt viele Methoden, die Wanderern und Alpinisten die Einschätzung des Risikos ermöglichen oder erleichtern sollen. „Sieht man sich die schweren Unfälle der letzten Jahre genauer an, so betreffen sie zu einem erheblichen Teil sehr erfahrene Bergsportler, oft sogar Bergführer und Bergrettungsleute, die allgemein als sehr erfahren und wissend gelten“, sagt die österreichische Bergrettungsärztin, Notfallmedizinerin und Psychologin DDr. Ulley Rolles aus Spittal an der Drau (Bundesland Kärnten).
Aus der Unfall-Analyse ergibt sich für Rolles die berechtige Frage, welchen Stellenwert das Wissen und die Erfahrung tatsächlich in der Beurteilung von Situationen haben, und welche Rolle die individuelle Abschätzung von Risiko sowie die persönliche Intuition spielen? Welche „Fallen“ gibt es, in die neben Anfängern und Fortgeschrittenen auch erfahrene Gebirgler immer wieder tappen können?
„Erfahrungsfalle“ & blindes Vertrauen?
Rolles unterscheidet mehrere Fallen. Dazu gehört die „Erfahrungsfalle“. Es sei zum Beispiel auffallend, dass die meisten Unfälle im Abstieg passieren. Das habe nicht nur mit Müdigkeit zu tun. Dahinter stecke auch, dass man meist schon mit dem Erreichen eines Zieles denkt, es sei alles schon geschafft. „Damit steigt die Risiko-Bereitschaft beim Abstieg oder auf einer Variantenabfahrt bzw. Abfahrt einer Skitour. Gleichzeitig ist man entspannter, und die Aufmerksamkeit lässt nach“, schildert Ulley Rolles. Ein weiterer Ansatzpunkt der „Erfahrungsfalle“ lässt sich mit der fatalen Einstellung beschreiben: „Mir ist noch nie etwas passiert“. Dazu kommen Mechanismen, wenn man mit einer scheinbar erfahrenen Gruppe unterwegs ist und dieser blind vertraut.
Schönreden von Gefahren-Hinweisen
Eine weitere Gefahr sieht Bergrettungsärztin Rolles in der „Einstellungsfalle“. Hier spiele sich schon viel vor Beginn der eigentlichen Tour ab: Man freut sich, ist in guter bis bester Stimmung – und blendet dabei vorhandene Signale von Gefahren und Hinweise aus bzw. verharmlost äußere Umstände, wie zum Beispiel oft das Wetter. „Psychologisch gesehen passiert dabei eine Verharmlosung von Fakten. Man sucht unbewusst nach Informationen, die für eine Durchführung bzw. Fortsetzung einer bedenklichen Tour sprechen. Das heißt, man bestätigt gleichsam seine vorgefasste Meinung bzw. Einstellung statt diese (selbst)kritisch unter die Lupe zu nehmen“, ergänzt Rolles.
Reisekosten und Urlaub als „Gift“ für Selbstschutz
Mit der „Einstellungsfalle“ verwandt ist die „Motivations- und Investitionsfalle“: Man hat sich extre Urlaub für eine Wanderung, Tour oder Expedition genommen, ist von weit her angereist: Schon deshalb will man keine Misserfolg erleben und geht dadurch höheres Risiko ein. Je höher die Motivation, umso größer wird der „Schmerz“ bei Verzicht, wissen wir aus der Psychologie.
Gefahr durch „falsche“ Wahrnehmung
Schönes Wetter mit strahlend blauem Himmel lässt viele wiederum in die „Wahrnehmungsfalle“ tappen: „Gute Verhältnisse und günstige Bedingungen täuschen oft über bestehende Gefahren hinweg. Man nimmt Risiko – zum Beispiel eines Spaltensturzes auf Gletschern - dann als zusätzliche Gefahr neben dem Wetter nicht so deutlich wahr, wie man es vielleicht bei starkem Wind, Sturm, Nebel oder Schneetreiben tun würde."
„Sicherheitsfalle“ und „soziale Falle“
Auch wenn es seltsam klingt, es gibt auch eine „Sicherheitsfalle“. Die mitgenommene und oft kostspielige Sicherheitsausrüstung, langjährige Erfahrung und größere Gruppen, mit denen man unterwegs ist, täuschen subjektiv mehr „Sicherheit“ vor, als vielleicht gegeben sein kann. Auch das verleitet zu riskanterem Verhalten. Weiters zu beleuchten ist die „Verantwortungsfalle“, bei der man sich zu sehr auf Bergführer, Gruppenleiter, Bergrettungsleute oder Kollegen mit scheinbar mehr Erfahrung verlässt. Dazu kommt die „soziale Falle“. Hier geht es um Gruppendruck und auch um die Frage, was andere wohl von mir denken? „Das verleitet ebenso, sich einem höheren Risiko auszusetzen bzw. Gefahrenhinweise zu missachten“ , warnt die Bergrettungsärztin und Psychologin Ulley Rolles.
Gruppendruck widerstehen & Kommunikation pflegen
Um nicht in diese Falle zu tappen, ist für die Expertin eine innere Reflexion der Bergsportler wichtig. „Es geht einerseits darum, objektive Strategien zu entwickeln und das eigene Wissen auf neuesten Stand zubringen. Weiters sind bei der Tourenplanung immer die Risiken, Gefahren und negativen Aspekte zu berücksichtigen und nicht auszublenden. Man sollte sich schon vorher überlegen, wo kritische Stellen oder Zeitpunkte sein könnten und diese Annahmen dann an Ort und Stelle mit der Planung vergleichen“, rät Rolles. Weiters sollte man sich auf kritische Situationen mental und durch gute Ausrüstung vorbereiten, ebenso auf Notfällen. Hier seien richtige Maßnahmen schon im Vorfeld zu trainieren und zu automatisieren. „Man sollte ständig lernen und üben – nur dann sitzen Gedanken, Arbeitsschritte und Handgriffe auch im Notfall, wenn rundherum vieles in Panik oder Chaos versinkt“, erläutert Ulley Rolles.
Andersdenkende respektieren
Wichtig sind außerdem eine gute Kommunikation und generell ein gutes Gesprächsklima innerhalb einer Gruppe, die unter schwierigen bis extremen Bedingungen unterwegs ist. Jeder und jede sollten dazu Beiträge leisten. Dazu gehöre auch, dass Andersdenkende respektiert und Bedenken einzelner Mitglieder gehört und akzeptiert werden: „Hilfreich kann auch sein, dass man sich selbst hinterfragt, sich bewusst macht, in welche dieser Fallen man selbst gerne tappt“, rät die Bergrettungsärztin und Psychologin. Diskussions- sowie Gesprächsbereitschaft sowie das Ertragen anderer Meinungen seien grundlegende Bestandteile von Teamwork, sagt Rolles.
Selbstschutz, Selbstsicherung gehen vor
In ihren Kursen für Bergretter macht Rolles auf diese Fallen und Gefahren immer wieder aufmerksam, denn auch Retter seien davor nicht gefeit: „Eine zusätzliche Falle kann während des Einsatzes lauern: Weil Bergretter so auf Hilfe für andere unter extremen Bedingungen fixiert sind, vergessen sie mitunter auf das eigene Risiko im Einsatz.“ Dieses Risiko für die eigenen Leute müsse nicht nur einsatztaktisch immer wieder berücksichtigt sondern auch bei Übungen immer wieder mit einbezogen werden: „Auch wenn es hart klingt, im Ernstfall geht die Sicherheit der Rettungsleute immer vor. Das nutzt letztlich auch allen Verunglückten ganz massiv, denn verletzte oder tote Retter wären hilflose Helfer.“
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Dieser redaktionell hier leicht abgewandelte Artikel ist in unserem Print-Fachmagazin "BERGRETTER" erschienen, das unsere Landesleitungen Tirol und Kärnten gemeinsam publizieren - Ausgabe Kärnten Nr. 2, April 2008. Unsere Autorin Christa Hofer (Innsbruck) redigiert dieses Magazin.
Der Artikel basiert auf einem populärwissenschaftlichen Vortrag von DDr. Ulley Rolles, den diese beim 5. Kärntner Lawinentag am 19. Januar 2008 in der FH Villach gehalten hat. Vortrag als PDF-Download ...
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