Wenn Bergsteiger oder Wanderer in Gletscherspalten verschwinden, dann gehört das für Ersthelfer, Augenzeugen, Gefährten und Einsatzkräfte zu den härtesten Erfahrungen, die man im Gebirge machen kann. Wer bei einem solchen Unfall helfen will, muss hohe technische und psychische Anforderungen bewältigen.
Der Salzburger Bergretter und Suchhundeführer Günther Brandstätter (ÖBRD-Ortsstelle Hallein) schildert in „analyse:berg“ seine Erfahrungen in einem Interview:
Günther, war das auf dem Dachstein Dein erster Spaltensturz, den Du so hautnah mitbekamst? Welche Gefühle hattest Du als Augenzeuge?
Ich habe als Bergretter schon bei einigen Spaltenstürzen mitgeholfen – in meiner 33-jährigen Tätigkeit für den Österreichischen Bergrettungsdienst. Das war einer der härtesten. Ich empfand während der ganzen Aktion keinen Schock oder schockähnliches Erlebnis. Es war mir sofort klar, dass hier nur ein organisierter bzw. planmäßiger Einsatz zum Ziel führen konnte. Mit behelfsmäßiger Strategie war da nichts mehr zu machen. Insofern waren die Abläufe zum Teil schon vorgegeben.
Spaltenstürze haben oft schwerste Verletzungen zur Folge. Hast Du Dich auch gefürchtet vor dem, was Du möglicherweise zu sehen bekommst bei dem Mann?
Ich hatte keine Angst. Durch meine jahrelange Tätigkeit als Bergrettungsmann, Suchhundeführer und Notfallsanitäter sind auch schwere Verletzungen für mich kein Grund zum Fürchten. Es war wichtig, das Opfer so rasch wie möglich aus der Spalte zu holen. Die ersten 20 Minuten war ich allein am Spaltenrand. Der Mann hat bis zur medizinischen Stabilisierung durch den Flugrettungsarzt immer Lebenszeichen von sich gegeben.
Was hat zu dem Spaltensturz geführt? Welche alpinistischen Fehler?
Der einzige Fehler des Verunglückten war die ungeeignete Ausrüstung, und dass er allein unterwegs war. Der Mann ist ein guter Bergsteiger und Sportler. Ich habe Ihn nach dem Unfall und seiner Genesung besucht, und er zeigte mir auch Fotos von seinen Bergfahrten; zum Beispiel auf dem Großglockner, Großvenediger und viele andere. Dieser Unfall hat uns vor Augen geführt, welche neuen Gefahren sich durch die radikale Abschmelzung vieler Gletscher ergeben. Routen, die früher für durchschnittliche Bergsteiger gut zu bewältigen waren, sind mittlerweile zum Teil lebensgefährlich, wenn man ohne oder mit der falschen Ausrüstung unterwegs ist. Nach diesem Unfall wurde der Anstieg über die Randkluft auf den Dachstein übrigens sofort öffentlich gesperrt.
Bist Du nervös gewesen? Was hast Du getan, um rasch und effizient helfen zu können?
Der dominierende Gedanke war, wie bringe ich eine perfekte Rettungskette zustande? Höchster Stress war, als von oben her drei angeseilte Bergsteiger auf mich zuliefen, um zu helfen. Sie sahen von ihrer Perspektive nicht die durchlöcherte Spaltenbrücke. Ich konnte dieses Trio nur durch sehr lautes Zurufen warnen und stoppen. Es wäre eine Katastrophe geworden, wären auch diese Alpinisten in der Spalte verschwunden. Wir haben später noch einmal Kontakt gehabt, und sie haben sich noch einmal bedankt für diese Warnung.
Was kann und soll ein Ersthelfer tun, um psychisch wie körperlich stark zu sein, gute Arbeit zu leisten und sich selbst zu schützen?
Das hängt vom Typ ab. Wenn jemand zum ersten Mal so etwas sieht, dann empfiehlt sich eher die Zurückhaltung. Im ersten Schritt ist für Newcomer und auch junge Bergrettungsleute aber immer wichtig, dass sie möglichst rasch weitere Teams bzw. Verstärkung – ob aus der Luft oder bodengebunden – alarmieren. Es kann für manche Menschen bei höchstem Stress und Zittern der Hände schon schwierig sein, einen Telefon-Notruf abzusetzen. Letztlich muss jeder Bergretter selbst entscheiden, ob er solche Situationen bewältigt oder nicht, und wie weit man selbst gehen kann. Ich meine damit auch die direkte Hilfe und den Kontakt mit einem Schwerstverletzten.
Hat er gerufen, geschrien, hatte er große Schmerzen? Wie hast Du herausgefunden, wo er ist, und ob er noch lebt?
Er hat geschrien, und ich wusste von Anfang an, dass er noch lebt. Die Rufe und Schreie sind während der Bergung dann immer leiser geworden. Den genauen Ort in der Spalte hat erst der Flugretter festgestellt, den wir von unserem Standplatz im Steilgelände zu dem Abgestürzten abgeseilt haben.
Nachdem ich zuerst allein war, gab es nach Ankunft des Hubschraubers und den Angestellten der Dachsteinbahnen insgesamt fünf Leute, die direkt am Spaltenrand zusammenhalfen: Flugretter, ein Bergführer, zwei Angestellte der Dachsteinbahn und ich. Wir haben am Spaltenrand dann gemeinsam gearbeitet. Ich kannte zuvor niemanden persönlich, aber wir waren dennoch spontan ein gutes Team. Jeder wusste, worum es geht, was zu tun ist.
Wie ging es weiter?
Lesen Sie mehr auf der Website der Bergrettung Salzburg …
ABO-BESTELLUNGEN: "analyse:berg" / Heft Nr. 3 / Sommer 2012
Weitere Themen (Auswahl):
- Todessturz beim Klettern: Felsblock kappt Seil
- Nachruf für Franz Franzeskon
- Aktuelle Unfallstatistiken
- Gletscherspalten, Klimawandel
- Analysen, Berichte und Interviews über Unfälle auf dem
Rauriser Sonnblick und auf dem Dachstein
- Seilschaftsabsturz mit zerstörtem "Friend"
- Bei Pilgerwanderung spurlos verschwunden
- Schwerpunktthema: Vermisste und ihre Angehörigen
- Schwerer Unfall beim Paragleiten
Bestellung: Fachzeitschrift "analyse:berg"
(Gemeinschaftsprojekt von Alpinpolizei, Kuratorium für alpine Sicherheit und Bergrettungsdienst)
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News
06.07.2012 -
Immer Lebensgefahr: Spaltenstürze - INTERVIEW
Graz, Salzburg, 6. Juli 2012 - In der neuen Ausgabe des Fachmagazins "analyse:berg" wird ein Unfallgeschehen auf dem Dachstein analysiert. Der Bergretter und Bergrettungshundeführer Günther Brandstätter aus Hallein (Tennengau) war Ersthelfer für einen Oberösterreicher, der bei einem Sturz in eine Gletscherspalte lebensgefährliche Verletzungen erlitt. Wir bringen hier ein Interview mit dem Salzburger Bergretter.

Vergrößerungen: Anklicken. Spaltensturz im obersten Teil des Hallstätter Gletschers auf dem Dachstein: Ersthelfer und Hubschrauberteam bemühen sich um Lebensrettung

Günther Brandstätter (links), Bergretter aus Hallein, befand sich zufällig in der Nähe, als der Wanderer in die Spalte stürzte. Hier empfängt er das Hubschrauberteam am Bergetau am Spaltenrand.

Brandstätter weist die Helfer vom Hubschrauberteam und den Piloten an der Unfallstelle ein.

So hat ein Bergsteiger von unterhalb die Rettungsaktion samt Hubschrauber im Schwebeflug auf dem Dachstein fotografiert.

Cover der aktuellen Ausgabe von "analyse:berg", Sommer 2012. Bestellungen: siehe Link ganz unten ...









