Die Popularität des Klettersportes - ob in Hallen oder unter freien Himmeln - wächst von Tag zu Tag. Und angesichts vieler Fehler und Unwissenheiten grenzt es für manche Beobachter an ein Wunder, dass nicht mehr passiert. Jeder Verletzte und jeder Tote, ob Männer, Frauen, Jugendliche oder Kinder, ist eine(r) zu viel.
Vater, Tochter und ein Pärchen
„Oh, der Klettergarten ist aber sehr voll! Lass uns weiter in den nächsten fahren“. So geschehen am vergangenen Herbst den 1. Oktober in Schwarzenberg. Typische Situation für einen Klettergarten, der mit dem Auto besucht wird. Beim nächsten Klettergarten in Au finden meine Tochter Anna und ich, was wir uns gewünscht haben. Leichte Kletterrouten auf einer geneigten, vom Fels erwärmten Platte im vierten und unteren fünften Grad.
Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Nur eine einzige andere Seilschaft befindet sich ebenfalls hier und hat den „endlosen“ Anstieg zu Fuß zum Wandfuß von 15 Minuten bewältigt. Ein kurzes „Hallo, grüß euch“, und schon bereiten Anna und ich uns auf die Kletterei vor. Helm, Partnercheck und klare Kommunikation schon auf dem Boden vor dem Start, diese Dinge sind auch bereits für meine Tochter eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn die andere Seilschaft keine Steinschlaghelme trägt.
Herrliche Routen, gut abgesichert und warmen Fels machen die Kletterei zum wahren Vergnügen. Die andere Seilschaft macht auf den ersten Blick einen ruhigen, routinierten Eindruck. Sie üben den Seilschaftsablauf für Mehrseillängen und nutzen die Zwischenstände nach ca. 15 Metern. Nach ein paar leichten Routen entschließen Anna und ich, anschließend zu einem anderen Sektor zu gehen und dort noch zu klettern. Beide befinden wir uns am Standplatz und bereiten uns zum Abseilen vor.
Fatales Handling
Währenddessen erreicht die Frau der anderen Seilschaft ca. acht Meter neben uns den Standplatz. Sie hängt ihre Selbstsicherungsschlinge ein und ruft: „Stand“. Ihr Partner kann sie jedoch wegen der 30 Meter langen und gebogenen Routenführung weder sehen noch hören. Noch einmal „Günther Stand“. Doch er reagiert nicht. Da ich Sichtkontakt zu beiden habe, frage ich sie, ob ich ihm zurufen solle. Sie bittet darum. „Günther Stand“ rufe ich ihm zu.
Er hört, sieht mich und hängt seine Partnerin aus und beginnt seine Kletterschuhe anzuziehen. Währenddessen hat die Frau am Standplatz umgefädelt und ruft: „Günther. Zu“! Ich blicke zu ihr hinüber und sehe, dass sie ihre Selbstsicherung bereits ausgehängt hat und nur noch darauf wartet, von ihm abgelassen zu werden.
„Stopp!“ sage ich zu ihr: „Dein Partner hat dich ausgehängt!“ Die Frau bekommt es mit der Angst zu tun: „Was soll ich jetzt tun?“ Ich übernehme kurzerhand die fehlende Kommunikation zu ihrem Partner, der sie wieder in die Sicherung einhängt und auf den Boden ablässt. Wieder auf dem Boden angelangt, erkläre ich beiden kurz ihren beinahe fatalen Fehler.
Überforderung
Anschließend laden wir die beiden ein, mit uns in den anderen Sektor zu gehen. Da die beiden neu im Gebiet sind, nehmen sie das Angebot gerne an. Im neuen Abschnitt erklären wir ihnen die verschiedenen Routen und deren Schwierigkeitsgrade. Sie sind begeistert und entschließen sich für eine Route im fünften Grad. Anna und ich beginnen mit einer Route im dritten, dann im vierten und als nächstes im sechsten Grad. Das andere Seilschaftspaar ist mit seiner Route etwas überfordert, sodass wir uns, nach unserer dritten Seillänge und sie nach der ersten, auf dem Standplatz in 18 Metern Höhe wieder treffen. Es folgt dort eine herrliche 16 Meter hohe, frei hängende Abseilstrecke auf den Boden.
Meine Tochter Anna seilt sich als erste selbständig ab. Es macht richtig Freude zu beobachten, wie sie alles gewissenhaft vorbereitet. Noch Partnercheck, und schon gleitet sie gleichmäßig zu Boden. Ich biete der anderen Seilschaft unser bereits eingerichtetes Seil zum Abseilen an. Sie nehmen es gerne an. Die Frau ist noch etwas nervös und ermüdet von der Kletterei. So warte ich beim Standplatz, gebe ihr noch ein paar Anweisungen. Es geht problemlos. Dann folgt ihr Partner. Er hat sein Abseilgerät bereits in das Seil eingelegt und macht sich an den Start nach unten.
Gänsehaut
Wegen seines Pullovers, der etwas herausgezogen ist, sehe ich beim Check zuerst nicht zu seinem Karabiner. Ein kurzer Stopp von mir. Es läuft mir kalt über den Rücken. Statt der Arbeitsschlaufe hat er nur bei einem schmalen Gummiband daneben eingehängt. Auf einen Sicherungsprusik hat er überhaupt verzichtet. Ich ziehe ihn zu mir, sichere ihn und zeige ihm den Fehler, der einen Absturz von 18 Metern zur Folge gehabt hätte: „Oh, das ist verkehrt“ sagt er. Das ist alles.
Auf dem Boden angekommen, packen wir alle gemeinsam unsere Klettersachen zusammen. Sie bedanken sich bei uns: „Ich glaube, ihr seid heute ein bisschen die Schutzengel für uns gewesen“, sagt die Frau noch zum Abschied.
News
10.04.2012 -
Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute













