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08.03.2008 - 
ÖBRD-Jahresbericht 2007: Mehr schwierige Einsätze, weniger insgesamt

Obwohl immer mehr Menschen in den Alpen unterwegs sind, geht die Zahl der Einsätze beim ehrenamtlichen Bergrettungsdienst in Österreich (ÖBRD) zurück - zum Teil durch den Boom bei privaten Flugrettungsfirmen. Gleichzeitig werden rein bodengebundene Einsätze immer schwieriger und aufwändiger. Das zeigt sich aus aktuellen Daten des ÖBRD-Jahresberichtes 2007.


Vergrößerungen: Bitte anklicken. Unten: Diese Grafik über unser Einsatzgeschehen bzw. die statistische Verteilung bei Berg- und Lawinentoten im Spiegel von zehn Jahren (seit 1998) publizierte die Austria Presse Agentur (APA) am 3. März 2008.





Flugwetter als entscheidender Faktor
Im Jahr 2007 mussten die freiwilligen Helfer des ÖBRD bundesweit 5.872 Mal ausrücken, um Verletzte, Vermisste oder Tote zu bergen - die geringste Einsatzzahl seit zehn Jahren. Fachleute machen dafür auch den zunehmenden Andrang von privaten Flugrettungsfirmen im - für sie lukrativen - Winter verantwortlich, die zunehmend auch Leichtverletzte in Krankenhäuser fliegen würden.

"Der Bergrettung verbleiben vermehrt schwierige Suchaktionen bei Nacht, Nebel und/oder Sturm", sagt ein ÖBRD-Einsatzleiter und verweist auf Tirol als Extremfall, wo im Winter bei gutem Flugwetter besonders viele Hubschrauber für Geschäfte mit den vielen in- und ausländischen Skifahrern sowie Snowboardern bereit stehen. Im Land Salzburg sind es beispielsweise zur "Hauptgeschäftszeit" für Hubschrauber in Winter und Frühling bisher fünf; ein Bruchteil.

Sorgen zunehmend mit Pistengebieten
Wesentliche Daten aus der ÖBRD-Einsatzstatistik für 2007: Die tödlichen Unfälle auf den Skipisten sind stark im Steigen begriffen. Seit fünf Jahren ist die Zahl der Bergrettungseinsätze rückläufig, und zwar von 7.495 (2002) auf nunmehr 5.872, wie aus dem soeben fertiggestellten Jahresbericht 2007 hervorgeht. 5.995 Menschen wurden dabei geborgen, was ebenfalls der niedrigste Wert seit 1998 ist.

Auch die Anzahl der Verletzten ist im zehnjährigen Vergleich rückläufig: 4.776 Verletzte ist die zweitniedrigste Zahl, nur im Jahr davor waren es noch um sechs weniger. 2002 mussten die Bergretter noch 6.790 Menschen mit Blessuren bergen.

Verschärft sich gefährlicher Trend?
166 Personen konnten von den Helfern nur noch tot geborgen werden, ein erheblicher Teil davon waren Menschen, die einem Herz-Kreislauf-Stillstand erlegen sind. 17 Personen ließen in Lawinen ihr Leben. Auf Skipisten waren 18 Tote zu beklagen, was die höchste Zahl seit zehn Jahren bedeutet.

"Immer mehr Menschen, die ihre Ski oder Snowboards nicht unter Kontrolle haben, fahren viel zu hohes Tempo und gefährden auch ihre Mitmenschen", sagt Reinhold Dörflinger, Präsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes: "Besonders bedenklich ist, dass sich im Einsatzjahr 2008 dieser Trend noch weiter zu verstärken scheint. Die Bilanz der ersten Monate stimmen uns sehr pessimistisch."

62 Prozent für ausländische Gäste
Dörflinger macht noch einen weiterer Trend Sorgen: "Außerdem beobachten wir, dass immer mehr aufwendige und mühselige Suchaktionen zur Rettung von Vermissten unsere Einsatzkräfte binden. Dabei könnten Wanderer, Bergsteiger und Wintersportler mit einfachen Verhaltensregeln so manchen Notfall im Vorfeld verhindern. Wir hoffen, dass uns Touristiker und Tourismuswerbung in Zukunft stärker bei Prävention und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen."

Mehr Engagement von Touristikern?
Die 11.221 ehrenamtlichen Bergrettungsleute standen im Vorjahr 53.277 Stunden im Einsatz (2006: 57.933). In ganz Österreich gibt es 293 Ortsstellen, den Helfern stehen auch 204 Suchhunde für Vermisste und Lawinenopfer zur Verfügung. Bemerkenswert sei der hohe Anteil an ausländischen Urlaubsgästen von knapp 62 Prozent aller Einsätze, schreibt die APA.

"Überblick bei Flugrettung schwierig"
Die Daten des Jahresberichts beziehen sich reine Bergrettungseinsätze. Nicht beinhaltet sind die Zahlen der privaten Rettungshubschrauber. Diese Daten waren bisher praktisch nicht zu erheben, sagt ÖBRD-Präsident Dörflinger: "Mit Ausnahme der Christophorus-Flugrettung, die ihre Daten jährlich und offiziell publiziert." Über die Tätigkeit anderer Anbieter sei der Überblick bisher nur sehr schwer zu gewinnen: "Allein in Tirol gibt es zur Hauptgeschäftszeit in der kalten Jahreszeit an die 20 Hubschrauber-Standorte in den Wintersportgebieten."

Details & Interpretationen
1. Weniger, schwieriger: Die Gesamtzahl unserer Einsätze geht vorerst weiter zurück. Zum Teil auch deswegen, weil immer mehr Leichtverletzte bei entsprechendem Flugwetter von privaten Hubschrauberfirmen abtransportiert werden – mit allen damit verbundenen Vorteilen und Nachteilen. Die Intensität der bodengebundenen ÖBRD-Einsätze verstärkt sich daneben teils in unerwarteten Ausmaßen. Viele Einsätze sind auch länger als früher.
2. Weiter sehr viele aufwändige Suchaktionen
3. Immer mehr Tote auf Skipisten

4. Immer mehr Einsätze für ausländische Gäste, weniger Inländer


Zusammenfassung für 2007
HINWEIS: Diese Daten beziehen sich auf reine Bergrettungseinsätze bei teils gefährlichen Wetterbedingungen – bei Tag und/oder Nacht sowie bodengebunden. Als einzelne „Einsätze“ gelten auch Aktionen, die mehrere Tage oder Wochen dauern können. Diese Daten beinhalten NICHT die Arbeit von Hubschrauberbesatzungen, bei denen auch Bergrettungsleute als Flugretter, Notfallsanitäter, Navigatoren und Ärzte des ÖBRD im Einsatz sind.

5.872 Einsätze im Jahr 2007 bundesweit: geringste Zahl in letzten zehn Jahren – fast 800 unter dem Durchschnitt (6.656).


5.995 Geborgene: geringste Zahl seit zehn Jahren (DS 6.827) 4.776 Verletzte: zweitgeringste Zahl seit zehn Jahren – fast 900 unter dem Durchschnitt (DS 5.665). Minimum war 2006 (4.770). 

18 Tote auf Skipisten: sehr starke Zunahme – höchste Zahl seit zehn Jahren (DS 11)

363 Suchaktionen: weiterhin sehr hohe Zahl, weniger als 2006, weit über zehnjährigem Durchschnitt (293)

256 Einsätze bei Skitouren und Variantenfahrten: einiges über Durchschnitt, Zunahme fast 50 gegenüber 2006 (DS 209)

90 Lawinen-Einsätze: weiter relativ hohe Zahl, einiges über Durchschnitt (DS 77)


166 Tote gesamt: relativ geringe Zahl, einiges unter zehnjährigem Schnitt (184)

136 Blind-Einsätze: extreme Zunahme, fast doppelt so hoch wie Durchschnitt (DS 70)

3.703 Einsätze für ausländische Gäste, 2292 für Inländer: anteilsmäßig immer mehr Einsätze für Unfallopfer mit ausländischen Staatsbürgerschaften, wesentlich weniger für Inländer

17 Lawinentote: deutlich weniger als Durchschnitt (25)


11.221 Bergrettungsleute einsatzbereit: geringfügig weniger als 2006, weit mehr als im zehnjährigen Durchschnitt.

7 Vermisste: sehr geringe Zahl von Menschen, die nicht gefunden werden konnten (DS 21)

Weitere Daten für 2007 – bundesweite Erfassung:
53.277 Einsatzstunden (Vorjahr 2006: 57.933), 293 Ortsstellen in Österreich, 11.221 einsatzbereite Bergrettungsleute (Männer, Frauen und Jugendliche – Vorjahr 2006: 11.411), 204 Suchhunde für Vermisste und Lawinenopfer (Vorjahr: 200). Eingesetzte Hunde: 287 (Vorjahr: 409). Sieben ÖBRD-Landesleitungen, ein Bundesverband.

Einsatzkräfte, gegliedert nach unseren sieben Landesleitungen (Stichtag 31. 12. 2007):
Tirol: 93 Ortsstellen, 4.097 Bergrettungsleute, 55 Suchhunde
Steiermark: 53 Ortsstellen, 1.609 Bergrettungsleute, 30 Suchhunde
Salzburg: 44 Ortsstellen, 1.408 Bergrettungsleute, 45 Suchhunde
Vorarlberg: 31 Ortsstellen, 1.216 Bergrettungsleute, 26 Suchhunde
Wien/Niederösterreich: 30 Ortsstellen, 1.272 Bergrettungsleute, 12 Suchhunde
Kärnten: 19 Ortsstellen, 881 Bergrettungsleute, 27 Suchhunde
Oberösterreich: 23 Ortsstellen, 738 Bergrettungsleute, neun Suchhunde.

Zusammenstellung, Interpretation & Präsentation der Daten: Reinhold Dörflinger, Gebhard Barbisch, Gerald Lehner

Fotos: Dipl. Ing. Gernot Koboltschnig, Ing. Mathias Marxgut, Lorenz Geiger, Fritz Klaura, Franz Karger, Gerald Lehner

Gedruckte Versionen aller ÖBRD-Jahresberichte als PDF-Downloads >>