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News

03.02.2010 - 
Speed-Tourengeher ohne LVS unter Lawine - Kritik aus dem ÖBRD

Von der Tageszeitung "Die Presse" & ÖBRD

Innsbruck, 2. Februar 2010 - Ein Extremsportler bzw. Speed-Skitourengeher wurde dieser Tage nach 50 Minuten lebend aus einer Lawine geborgen. Er war - wie nicht wenige seines Genres - ohne Notfallausrüstung unterwegs. „Gefährlich für sich und egoistisch gegenüber Mitmenschen“, heißt es dazu von der Tiroler Bergrettung.

Symbolfoto ohne Direktbezug zum geschilderten Geschehen.

Es ist die schlimmste Vorstellung jedes Skitourengehers: Lebendig von einer Lawine begraben zu sein. Ein junger Tiroler hat es erlebt – und überlebt.

Bei vollem Bewusstsein, ohne jedes Außengeräusch wahrzunehmen, habe er „den Tod vor Augen gehabt“, schildert der 28-jährige Speed-Tourengeher die Zeit, die er unter eineinhalb Meter Schnee zubringen musste. Nach 50 Minuten spürte er die Sonde eines Bergretters am Bein.

Der „selbstständige Amateursportler“ (Eigendefinition) und Speed-Skitourengeher war am Sonntag mit einem Kollegen von Auffach in der Wildschönau im Bezirk Kufstein über den Schatzberg in Richtung Lämpersberg gegangen.

Gegen zwölf Uhr fuhr er in einen 40 Grad steilen Hang ein und wurde von einem 35 Meter breiten Schneebrett erfasst. Weder er noch sein Begleiter hatten eine Notfallausrüstung (Schaufel, Sonde und „Lawinenpieps“) dabei.

"Überleben nur durch guten Trainingszustand"
Die Ortung des Verschütteten gestaltete sich laut Bergrettung äußerst schwierig, im Einsatz standen neben der Bergrettung auch Alpinpolizei, Suchhunde und das Team eines Rettungshubschrauber.

Dass der 28-Jährige nach rund 50 Minuten stark unterkühlt, aber lebend, geborgen werden konnte, habe er seinem guten Trainingszustand zu verdanken, erklärte die geschäftsführende Oberärztin der Innsbrucker Chirurgie, Renate Larndorfer„Ein Durchschnittsmensch hätte das unter diesen Umständen nicht überlebt.“

Auch die Dosierung der Atmung unter der Lawine habe dazu beigetragen, dass er das Unglück so gut überstanden habe.

Kein LVS dabei etc. - Kritik aus dem ÖBRD
Kritische Worte zum Verhalten des Lawinenopfers, das trotz Warnstufe drei und ohne Notfallausrüstung unterwegs war, findet der Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung, Peter Veider, im Gespräch mit der „Presse“: 

„Es ist sehr ärgerlich, dass solche Leute durch ihren Egoismus andere Gebirgler in Gefahr bringen. Sie können weder sich selbst, ihren Kameraden noch anderen Bergsteigern helfen, wenn sie nichts Entsprechendes dabei haben.“

In Italien und der Schweiz seien heuer bereits elf Bergretter bei Lawineneinsätzen für ähnliche Leute ums Leben gekommen, betont Veider, der sich im Allgemeinen mit Kritik an Unfallopfern stark zurückhält:

"Wir sind selbst Alpinisten und uns vieler Risken bewusst, die in den Bergen lauern. Doch was hier geschieht, wenn nicht einmal grundlegende Standards eingehalten werden, das ist nicht mehr zu rechtfertigen."

"Keine Notausrüstung = Egoismus gegen Mitmenschen"
Wer ohne Notfallausrüstung unterwegs sei, vergebe auch seine größte Überlebenschance. Die liegt in den ersten 15 Minuten bei 90 Prozent – und sinkt danach rapide. Daher sei die „Kameradenrettung“ so wichtig: „Bis wir da sind, vergeht sicher eine halbe Stunde.“ Nach 30 Minuten beträgt die Überlebenschance nur noch 30 Prozent.

Die Zeit spreche daher gegen die Bergretter: „Im Einzelfall sind wir oft noch schnell genug, aber niemand sollte darauf vertrauen, dass er von uns noch lebend geborgen werden kann.“

Außerdem: Wer auf die Standardnotfallausrüstung verzichte, könne im Ernstfall auch niemand anderem damit zu Hilfe kommen. Das sei purer Egoismus und bei nicht gerade wenigen Speed-Skibergsteigern verbreitet, kritisiert Veider. 

Einsicht bei Lawinenopfer?
Das Lawinenopfer zeigte bei einer Pressekonferenz am Krankenbett einen Tag nach dem Unglück dennoch kein schlechtes Gewissen. „Mein Verhalten hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Diese Trainingsroute gehe ich bis zu vier Mal pro Woche, oft auch allein.“

Ein Argument, das Bergretter Veider nicht gelten lässt: „Auch ein Hausberg ist nicht immer einschätzbar.“

Klüger gibt sich der Verschüttete und Überlebende nun dennoch. In Zukunft, so gelobt er, werde er immer ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät) dabeihaben.

Auch an andere Wintersportler appelliert er, nur mit entsprechender Ausrüstung und in der Gruppe unterwegs zu sein. Er selbst wolle in Zukunft „die Situation besser einschätzen lernen“. Und zu diesem Zweck „viele Skitouren“ gehen.

diepresse.com