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Die „weiße Hexe“ - Mythos Lawine

Bild: Studienverlag Innsbruck

Die stete Bedrohung durch Lawinen aus der Sicht der Kulturgeschichte beleuchtet der Tiroler Volkskundler, Dichter und Bergbauer Hans Haid.

Von Wolfgang Bauer

Der gebürtige Ötztaler widmet sein neuestes Buch “Mythos Lawine“  einer elementaren Naturgewalt, die in allen Hochgebirgen für Angst, Schrecken und Fantasien sorgt. Nicht Lawinenprävention im modernen Sinn mit didaktischen Hilfen zur richtigen Einschätzung der Lawinengefahr beschäftigen den Tiroler Querdenker, sondern der jahrhundertealte Respekt der Alpenbewohner vor der Macht der Natur.

Ein lesenswertes Buch über die großen Lawinenereignisse der Alpen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart sowie über die Spuren, die Lawinen in den Glaubensvorstellungen, in der bildenden Kunst und in der Sagenwelt hinterlassen haben.

Fächerübergreifendes, gut lesbares Werk
„Am Donnerstag wurde in St. Antönien die Schule eingestellt, weil man den Kindern den Weg nicht mehr zumuten konnte, und am Samstag, als der Schnee schon zwei Meter und höher lag, wagte der Sigrist nicht mehr, den Sonntag einzuläuten, aus Furcht, der Schall der Glocken könnte den lose an den Hang sitzenden Schnee ins Gleiten zu bringen“.

Horror bei winterlichem Wettersturz
So werden die schneereichen Tage des Lawinenwinters 1950/51 in St. Antönien im schweizerischen Prätigau geschildert, eine der am meisten von Lawinen gefährdeten und heimgesuchten Ortschaften in der Schweiz. Das Verhalten des Mesners – „Sigrist“ – ist verständlich. Er kennt sich aus, wie man sich angesichts der gewaltigen Schneemengen zu verhalten hat. Am selben Abend stürzen die Schneemengen zu Tal, drei Wohnhäuser, fünf Ställe und eine Säge werden weggefegt. Ein alter Mann kann nur noch tot geborgen werden. Ein paar Häuser weiter – eine wundersame Rettung: Es kracht und tost in einem Bauernhaus, Balken, Splitter und Schnee füllen den Raum. Doch als es wieder still ist, bemerkt die betende und zusammengedrückte Familie, dass alle im Raum am Leben sind.

Von Hannibal bis Galtür
Das ist der Stoff für die von Hans Haid penibel zusammengetragenen Schilderungen von großen Lawinenereignissen in den Alpen. Von der Alpenüberquerung Hannibals 218 v. Chr. über Lawinenunglücke am Großen St. Bernhard oder den unzähligen Lawinentoten an der Dolomitenfront im Ersten Weltkrieg bis zum „Lawinenwinter“ 1951 in der Schweiz und in Westösterreich und – nicht zu vergessen – Galtür 1999: Haid listet nicht nur auf, wie viele Opfer eine Lawine gefordert hat. Er verfolgt auch die Spuren, die der „weiße Tod“ in den Schilderungen von Zeitgenossen, in Sagen oder Presseberichten hinterlassen hat. Und welche Vorkehrungen Alpenbewohner getroffen haben, um Lawinen zu entgehen.

Feuerwaffen gegen die Schneemassen
Bereits sehr früh wurden etwa akustische Signale wie Schreien, Peitschenknallen oder Schüsse benutzt, um Lawinen vorzeitig auszulösen. So heißt es 1438 in einem Bericht einer Überquerung des Gotthard-Passes durch einen andalusischen Ritter: „Beim Begehen schmaler Pfade, und wenn der Schnee, der den Berg von allen Seiten bedeckt, zu rutschen droht, schießen die Leute Feuerwaffen ab, damit der Knall den lose sitzenden Schnee zum Fallen bringe. Es kommt nämlich zu weilen vor, dass sich der Schnee löst und Reisende unter sich begräbt“.

Beten und bannen
Wenn ein alpines Phänomen wie Lawinen von einem Volkskundler und Kulturhistoriker abgehandelt werden, dann dürfen auch religiöse und abergläubische Verhaltensweisen nicht fehlen. Und darum widmet Hans Haid einen großen aber sehr kurzweilig gehaltenen Teil seines Buches den menschlichen Vorkehrungen: den Gelöbnissen, Beschwörungen, Prozessionen und Bannungen.

Bibliografie
Hans Haid: Mythos Lawine. Eine Kulturgeschichte. Studien Verlag, Innsbruck 2007;  264 Seiten, Preis: 29,90.- Euro. ISBN: 978-3-7065-4493-1