Leitlinien: Kommunikation über Funk im Bergrettungsdienst
Von Ing. Franz Fidi, leitender Funktechniker des ÖBRD
Mit einem Mobiltelefon ist es heute (fast) jederzeit möglich, fast jeden Punkt auf der Erde zu erreichen. Zum Beispiel ist eine Gesprächsverbindung von Mariazell (Steiermark) nach Puntas Arenas (an der Südspitze Chiles im äußersten Süden Lateinamerikas) im Nu aufgebaut, und die Qualität der Verständigung ist vielleicht sogar besser als bei einem Telefongespräch im Inland.
Technische Laien könnten meinen, dass die Kommunikation von Einsatzgruppen bei einer großen Suchaktion der Bergrettung – zum Beispiel auf dem Hochschwab – technisch heutzutage überhaupt kein Problem sein kann. Das ist alles andere als zutreffend. Die in zentralen Räumen gut bis bestens ausgebauten Mobilfunk-Netze täuschen gelegentlich eine lückenlose und stets verfügbare Versorgung vor, die es in der Realität nicht gibt und kaum jemals geben wird.
Viele Winkel weiter ohne Mobilfunk
Vielleicht existiert schon wenige Kilometer hinter ihrem Haus ein hartnäckiger Funkschatten der Mobilfunkbetreiber? Und im Hochgebirge gibt es noch immer viele Winkel und Gegenden, wo kein Mobiltelefon funktionsfähig ist – außer man betreibt ein sehr teures Satelliten-Telefon. Deswegen hat das eigene und unabhängige Funkwesen im Bergrettungsdienst und bei anderen Einsatzkräften auch in Zukunft große Bedeutung. Wir müssen einsatz-, kommunikations- und gesprächsfähig sein und bleiben, wenn alle anderen System versagen oder nicht vorhanden sind.
Die einwandfreie Verständigung der Beteiligten bei einem großen Sucheinsatz untereinander, zur Einsatzzentrale und zu anderen Rettungsorganisationen ist fast immer schwierig. Es kann auch – trotz modernster Funktechnik – nicht immer eine zufriedenstellende Funkverbindung zustande kommen. Das hat mit den physikalischen Eigenschaften von elektromagnetischen Wellen (= auch Funk) zu tun. Diese breiten sich – ähnlich wie Licht (das ja auch aus elektromagnetischen Wellen besteht) – im Raum aus. Deshalb gibt es überall, wo es Sichtverbindung gibt, eine gute Funkqualität mit einwandfreiem Empfang – auch über sehr große Entfernungen; zum Beispiel von der Erde zu einer Raumstation.
Ohne Sichtverbindung ist Funken eine Herausforderung
Völlig anders bis sehr schwierig wird die Lage, wenn Hindernisse eine Sichtverbindung stören. Unsere Einsätze finden fast immer im Gebirge mit Tälern, Höhenzügen und Felswänden statt. Deshalb sind Sichtverbindungen zwischen Einsatzgruppen fast nie vorhanden. Mit viel Fachwissen der Bergrettungsleute und großem technischen Aufwand gelingt es in den allermeisten und auch sehr schwierigen Fällen doch, tragfähige Funk- und Kommunikationsverbindungen aufzubauen.
Schulung aller Einsatzkräfte
Jede Bergrettungsfrau und jeder Bergrettungsmann wird funktechnisch von unseren Fachreferenten bei den Landesleitungen geschult. Unsere Einsatzkräfte wissen deshalb auch über die Physik des Funkens Bescheid und können die technischen Möglichkeiten optimal nutzen. Wir arbeiten mit professionellen Handfunk-Geräten, die für den harten Betrieb im Gelände und bei unwirtlichen Wetterbedingungen geeignet sind. Die Geräte müssen einfach zu bedienen sein, auch in schwierigen Situationen (Felsbergungen) und mit Handschuhen bei großer Kälte.
Extreme Anforderungen
Ein Problem bei den Handfunk-Geräten ist IMMER die Energieversorgung. Wir sind bei Einsätzen oft stundenlang, hin und wieder auch über mehrere Tage unterwegs und haben im Gelände keine oder kaum Infrastruktur zum Laden der Akkus zur Verfügung. Deshalb werden an Akkumulatoren sehr hohe Anforderungen gestellt. Sie müssen für große Ladekapazitäten ausgelegt sein, dürfen nicht zu schwer sein, nur eine geringe Selbstentladung aufweisen und sollen bei tiefen Temperaturen nur kleinen Kapazitätsverlust haben. Das erfordert funktechnische Ausrüstung hoher Güteklassen, die naturgemäß nicht gerade billig ist.
„Um die Ecke“ funken: Relais wichtig
Wenn sich unsere Einsatzgruppen in Gebieten mit großen Funkschatten bewegen müssen, brauchen wir so genannte Relais, um trotz fehlender Sichtverbindung gute Sprechverbindungen zu erzielen. Das sind zwischengeschaltete Empfang- und Sende-Stationen an markanten Punkten, von denen mehrere Einsatzgruppen „eingesehen“ und damit gut angefunkt werden können. Über ein Relais wird sozusagen ein Funkspruch umgeleitet bzw. „um die Ecke“ geleitet. So kann man auch Einsatzgruppen erreichen, die auf völlig anderen Flanken eines Berges oder in einem Nachbartal unterwegs sind. Ein direkter Funkverkehr zwischen den Geräten ohne Relais wäre unter diesen Bedingungen unmöglich.
Trotz des großen technischen Aufwandes bei der Bergrettung gibt es leider immer wieder so genannte „weiße Flecken“, wo absolut keine Funkverbindung möglich ist. Zu diesen Problemzonen gehören z. B. alle Schluchten. Hier muss oft sogar noch immer mit Zeichensprache und mit der Trillerpfeife gearbeitet werden. Deshalb können Unfälle beim Canyoning auch aus funktechnischer Sicht ein großes Problem für Bergrettungsleute werden, wenn sie sich um Unfallopfer bemühen.
Umstellung auf digitale Funksysteme
In nächster Zukunft wird zusätzlich zum analogen Funksystem auch beim Bergrettungsdienst bundesweit der digitale Funk eingeführt. Mit diesem bekommen wir viele weitere technische Möglichkeiten. Vielleicht lässt sich damit auch die Zahl der „weißen Flecken“ auf unseren Landkarten (funktechnisch gesehen) verringern. Völlig verschwinden werden sie nie. Dafür wären der technische Aufwand und die Kosten viel zu groß. Eines ist jedoch ganz sicher:
Der Österreichische Bergrettungsdienst tut auch in Zukunft das, was er in diesem Fachbereich schon immer getan hat: Wir setzen uns mit modernsten technischen Hilfsmitteln und unserer Erfahrung sowie mit ganzer Kraft dafür ein, den Menschen in Bergnot effektiv zu helfen.
Funk.47.0.html













