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Leistungstiefs in großen Seehöhen

Vergrößerungen: Anklicken. Trekking im Himalaya.
Oben: Dieses Diagramm zeigt die Abnahme des Luftdrucks (X-Achse) bei zunehmender Seehöhe (Y-Achse).
Der Kärntner Bergretter und Hüttenwirt Helmut Ortner auf dem Mount Everest (ohne O2-Flaschen).

Der menschliche Körper braucht Zeit, um sich an große Höhen zu gewöhnen. Wer Akklimatisationsregeln beim Höhenbergsteigen und auf Trekkingtouren missachtet, muss mit schweren Gesundheitsschäden bis hin zu Lebensgefahr und Tod rechnen.

Von Dr. Robert Mader, Landesarzt der Bergrettung Steiermark

Kopfschmerzen, Schlafstörungen – wen belästigt das nicht in der ersten Nacht auf einer mehr als 2500 Meter hoch gelegenen Hütte? Diese Höhen erreicht man schon in den Ostalpen recht oft, erst recht in den Westalpen. Problematisch sind besonders „Zeit sparende“ Angebote, bei denen attraktive ferne Gipfel in kurzer Zeit angeboten werden. Bei solchen (auch geführten) Touren werden oft die Akklimatisationsregeln missachtet - nicht selten durch Gruppen- und Zeitdruck. Die Folge sind frustrierte und höhenkranke Bergsteiger oder Wanderer. Bei der Planung, also vor einer Trekkingtour oder Expedition, sollte daher das Höhenprofil des jeweiligen Zieles genau begutachtet werden.

Anpassungsvorgänge
Unsere Körperfunktionen sind auf den Druck und Sauerstoffgehalt unseres Alltags abgestimmt. Atemtiefe und Frequenz, Zusammensetzung des Blutes und Stoffwechselvorgänge haben sich an die Alltagsbedingungen optimal angepasst. Sinkt der Luftdruck bei zunehmender Höhe, so sinkt der Sauerstoffgehalt im gleichen Maße und unser Körper muss sich daran erst gewöhnen. Die Anpassungsvorgänge im Körper brauchen Zeit, sind überwiegend untrainierbar und funktionieren individuell unterschiedlich. So können durchaus gut trainierte Sportler empfindlicher auf Höhenzunahme reagieren als untrainierte „Stubenhocker“. Allerdings können sie eine gute Kondition in die Höhe mitnehmen.

Pulsfrequenz guter Indikator
Den Anpassungsvorgang an die Höhe nennt man „Akklimatisation“. Diese äußert sich bei längerem Aufenthalt in ungewohnter Höhe (messbar schon ab ca. 2500 m) durch eine Vermehrung der roten Blutkörperchen, der Harnmenge, Erhöhung der Atemfrequenz und -tiefe und nach anfänglicher Erhöhung wieder durch eine Normalisierung der Pulsfrequenz. An der Pulsfrequenz lässt sich auch gut der Grad der Anpassung beurteilen: Nähert sich der Ruhepuls dem üblichen in tiefen Lagen, ist die Akklimatisation abgeschlossen. Auch vermehrtes (nächtliches) Harnlassen ist Zeichen einer guten Höhenanpassung.

Genug trinken und urinieren
Diese Anpassung lässt sich durch reichliche Flüssigkeitszufuhr, moderate körperlicher Belastung und kurzzeitiges Erklimmen von höheren Gipfeln, bei dann niedrigerer Schlafhöhe beschleunigen. Zur Vorbereitung für Touren in große Höhen ist es durchaus sinnvoll, schon in den Alpen „vorzuakklimatisieren“, diese Effekte verschwinden aber nach zwei bis vier Wochen in tiefen Lagen. Überanstrengung, Alkohol, Schlafmittel, Infekte, Kältestress und Migräneleiden verlängern die Anpassungsdauer.

Wichtigste Leitlinie: Die Schlafhöhe sollte pro Nacht ab 2500 Metern Seehöhe m nicht mehr als 400 bis 500 Meter zunehmen. Ab ca. 5.300 Metern ist eine vollständige Akklimatisation nicht mehr möglich, es kommt zum körperlichen und geistigen Leistungsverlust, genannt „Deterioration“.

Symptome der Höhenkrankheit
Mangelnde Akklimatisation zeigt sich in den Symptomen der Höhenkrankheit: Am Beginn (milde Höhenerkrankung – AMS) stehen Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schwindelgefühl, Leistungsabfall und Schwellungen des Gesichts. Diese können sich bei Verweilen auf gleicher Höhe in zwei bis drei Tagen zurückbilden oder sich zu den bedrohlichen Formen der Höhenerkrankung entwickeln. Diese treten als Wasseransammlungen in der Lunge (Höhenlungenödem – HAPE) und/oder Schwellungen des Gehirns (Höhenhirnödem – HACE) auf und sind jedenfalls lebensbedrohend.

Das Lungenödem erkennt man am starken Hustenreiz, Herzjagen, brodelnden Atemgeräuschen und natürlich Atemnot; das Hirnödem an Gang- und Stehunsicherheit (Ataxie), Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Halluzinationen und Bewusstlosigkeit.Beide Erkrankungen sind häufige Todesursachen in großen Höhen bzw. verursachen auch oft Abstürze und Verirren.

Behandlung der Höhenkrankheit
Bei AMS: Ruhetage bis zur Besserung, kein Alkohol, keine Medikamente, Versuch möglichst tief zu atmen, bei Kopfschmerzen ist Ibuprofen 400-600 mg am sinnvollsten. Bei HAPE und HACE: Wirksamste Therapie ist immer vermehrtes Sauerstoffangebot, möglichst durch rasches Absteigen bzw. Transport in tiefe Lagen. Wenn das nicht möglich ist, Sauerstoffinhalation
(z.B. Wenollsystem®), Überdruck-Sack (Certec-Bag® – simuliert Luftdruck bis zur halben Seehöhe) und spezielle Atemventile, die beim Ausatmen einen höheren Luftdruck in der Lunge provozieren.

Der Abstieg/Abtransport sollte bis zu einer Höhe erfolgen, in der die letzte beschwerdefreie Nachtruhe genossen werden konnte. Dort erfolgt die Erholung schnell bis zur völligen Genesung. Ein neuerlicher Aufstieg ist dann unter Beachtung der Akklimatisationskriterien wieder möglich. Medikamente können unterstützen, die Verabreichung soll Ärzten vorbehalten bleiben, um nicht Anzeichen einer gefährlichen Krankheitsentwicklung zu verschleiern.

Der geläufige Satz: „Jeder kann höhenkrank werden, wenn er schnell genug aufsteigt“ sagt alles über die günstigste Strategie der Höhenanpassung aus. Hält man sich an die einfachen Regeln, sollten auch hohe Ziele keine „Kopfwehberge“ sein.

Quellen:
Jahrbuch 2010, ÖGAHM Mairer, Wille, Burtscher;
Lehrbuch Alpin-und Höhenmedizin, Berghold/Schaffert; Oswald Ölz.