Hochbetrieb am Tiroler Himmel

- Pilot Christoph Kathrein, Flugretter Hans Vorhofer, und Notarzt Dr. Hermann Neun (Bild: TT)

- Dr. Neun versorgt einen Skifahrer mit Hüftverletzung (Bild: TT)

- Pilot Cpt. Christoph Kathrein parkt die gelbe EC 135 auf der Skipiste (Bild: TT)
von Simon Zangerle/Tiroler Tageszeitung
Die Dichte an Notarzthubschraubern im Tiroler Oberland ist österreichweit am höchsten. Insgesamt sieben Helis drängen sich im Winter auf den Markt. Über den luftigen Alltag der Flugretter am Stützpunkt Christophorus 5 in Zams.
Alarm am Stützpunkt Christophorus 5 – und alles geht auf Schiene. Pilot Christoph Kathrein rollt den gelben Eurocopter EC 135 auf Gleisen aus dem Hangar und macht den Heli abflugbereit. Flugrettungssanitäter Hans Vorhofer wirft schnell die Jacke über seine Schultern und nimmt links neben dem Piloten Platz. Der Dritte im Bunde ist Notarzt Hermann Neun, der sich am Rücksitz anschnallt und als Letzter die Türe schließt: „Kabinen fertig“, lautet sein Funkspruch an den Piloten. „Ab nach Bormio!“ fügt er scherzend hinzu.
Das norditalienische Bormio gehört freilich nicht in das Einzugsgebiet von Christophorus 5, wenngleich es dort viel angenehmer sein dürfte als im nebelverhangenen Skigebiet von Ischgl, wo der Einsatz heute hinführt. Pilot Christoph Kathrein alias „Stoffl“ hebt den vier Millionen teuren Helikopter mit dem Erfahrungsschatz von 6000 Flugstunden vom Startplatz in Zams. Die Rotorblätter knattern und im Cockpit rennt der Schmäh. Eingespielte Professionalität, verschworene Kameradschaft und vertraute Späßchen gehen jetzt Hand in Hand.
Spätestens drei Minuten nach der Alarmierung ist die Crew der Christophorus-Flotte in der Luft. An Bord weiß dann keiner im Detail, was sie an Ort und Stelle erwarten wird. Ob ein Paragleiter in einer Baumkrone oder ein Bergsteiger im hochalpinen Gelände – es wird mit Sicherheit nicht langweilig. „Als Mediziner ist der Job interessant und schwierig zugleich, weil man ohne große Vorlaufzeit mit dem gesamten Spektrum an Notfällen zu rechnen hat. Die Hilfsmittel sind beschränkt und man ist als Arzt alleine. Es ist ein bisschen wie angeln“, erzählt Notarzt Hermann Neun, der seit 17 Jahren in der fliegenden Ambulanz seinen Dienst verrichtet. Ein „Angel-Erlebnis“ der besonderen Art war für Neun vor einigen Jahren eine Bergung im Wettersteingebirge mit einem 160 Meter langen Tau.
Uns erwartet heute in Ischgl ein für Flugretter alltäglicher Einsatz. Ein Skifahrer ist gestürzt und hat sich eine Hüftverletzung zugezogen. Hans und Hermann versorgen den Patienten, Pilot Christoph gönnt sich währenddessen eine Marlboro: „Einer muss ja den Hubschrauber bewachen“, meint er und schmunzelt über das ganze Gesicht.
789 Einsätze flog Christophorus 5 im vergangenen Jahr. Im Jahr 2002 war er noch Platzhirsch im Tiroler Oberland und brachte es daher auf 1200 Einsätze. Inzwischen teilen sich sieben Helis den lukrativen Markt der Patiententransporte in Landeck, Imst und Reutte. „So eine hohe Dichte an Hubschraubern gibt es sonst nirgends“, sagt Notarzt Hermann Neun. Von einem Überangebot könne aber dennoch nicht die Rede sein, denn für die vielen Wintertouristen sei die derzeitige Versorgung durch die Flugrettung angemessen.
Beim Verladen des Patienten müssen nun alle anpacken. Dann lässt Christoph den Vogel steigen, unten verliert noch jemand seinen Hut und schon sind wir weg. In Richtung Krankenhaus Zams fliegend, überqueren wir viele verschneite Seitentäler. Unter uns taucht eine gut besuchte Wildfütterung auf. Die Fahrzeuge am Talboden sehen wie Spielzeugautos aus, die der schlangenähnlichen Straße folgen. Wir fliegen über alle und alles ungebremst hinweg. „Tirol ist schön und von oben noch schöner“, meint Notarzt Neun. Zwischendurch schaukelt es ein bisschen und spätestens bei der Landevolte in einer scharfen Rechtskurve wird einem wieder klar, dass man doch nicht mit dem Postauto unterwegs ist.
Zwar stellt auch der ÖAMTC eine Rechnung aus, nämlich nach allen alpinen Einsätzen. „Diese wird aber zu 95 Prozent von privaten Versicherungen beglichen“, sagt Reinhard Kraxner, Geschäftsführer des Christophorus-Flugrettungsvereins. Darum wollen am lukrativen Wintergeschäft viele Betreiber von Notarzthubschraubern mitnaschen. „Eine Flugminute kommt auf 70 bis 80 Euro“, weiß Flugrettungssanitäter Hans Vorhofer. Wer nicht privat versichert ist, der muss bei Sport- oder Freizeitunfällen die Kosten aus eigener Tasche bestreiten.
Der zweite Einsatz des Tages führt uns wieder nach Ischgl. Es sind technische Probleme, die den dort stationierten Hubschrauber von „Schenk Air“ auf den Boden zwingen. Darum kommt die Crew von C5 zum Handkuss. Der Patient mit einer Schulterluxation soll in Schenks Privatklinik nach Schruns geflogen werden. Kurz vor der Bielerhöhe, dem Passübergang zwischen Paznaun und Montafon, wird der Nebel immer dichter. Christoph muss umdrehen und das KH Zams anfliegen. „Dann klauen wir eben dem Schenk einen Privatpatienten“, meint Hermann. „Gut, dass wir getankt haben“, fügt der Pilot lachend hinzu.
Finanzielle Schwierigkeiten bereiten der Christophorus-Flotte nicht die Sport- und Freizeitunfälle, sondern alle anderen Einsätze. Die Sozialversicherung überweist nur dann eine Pauschale, wenn ein Abtransport per Hubschrauber medizinisch gerechtfertigt ist. „In rund 70 Prozent der Fälle werden diese Einsätze im Nachhinein bezahlt“, erklärt Geschäftsführer Reinhard Kraxner. Somit bleiben aber rund 30?% – das sind österreichweit circa 3000 Flüge pro Jahr – unbezahlt. Die Konsequenz: „Für das Jahr 2010 verzeichnen wir ein Minus von über zwei Millionen Euro. Insgesamt lässt die Zahlungsmoral der Sozialversicherung zu wünschen übrig“, so Kraxner.
Am Stützpunkt des C5 wird es langsam ruhiger. Der Heli ist getankt, die Crew richtet sich eine Jause. „Bis zum nächsten Alarm ist Chillen angesagt“, so Hans Vorhofer über das weitere Programm.
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