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Wie die Bergrettung nach Amerika kam

Innsbruck, Seattle, Dezember 2011 - Zwei Filme dokumentieren die engen historischen Verbindungen zwischen den Bergrettungsdiensten in den USA, Österreich und Deutschland. Es waren österreichische und bayerische Pioniere, deren technische Entwicklungen in den 1950er-Jahren auch in Übersee für Furore sorgten.

Von Gerald Lehner, ÖBRD & ORF

Eingefädelt hatten diese Kontakte nach Kriegsende einige Bergsteiger, die 1933 bzw. 1938 aus politischen Gründen oder wegen ihrer jüdischen Wurzeln vor den Nationalsozialisten hatten flüchten müssen - um nicht ermordet zu werden. Und einige waren schon vor den Zeiten von Rassenwahn und Unrecht nach Übersee ausgewandert.

Ehrenamtliche Bergretter, darunter einige Austro-Amerikaner, im Bundesstaat Oregon mit einem Hubschrauber der US-Luftwaffe.

1. Film: "Mountains don`t care, but we do" ("Die Berge kümmern sich nicht um euch, wir schon") Über die Entwicklung der amerikanischen Bergrettung: This short documentary provides an early history of the U.S. Mountain Rescue Association (MRA), with a focus on events in the Pacific Northwest during the 1940's and 50's. It shows the Alpine roots of Mountain Rescue in the United States, and how the changing conditions in the Northwest after World War II provided a need for local mountain rescue teams.


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2. Film: "Training Film Wilder Kaiser" von 1948 - Über die technischen Entwicklungen der Tiroler Bergrettung unter Wastl Mariner, die international für großes Interesse sorgten und viele Bergrettungsdienste beeinflussten: This video contains historic footage of early mountain rescue techniques developed by Wastl Mariner and others in Austria and Germany in the late 1940’s. This unique video was made as a black and white silent film in Austria, and shows the evolution of early mountain rescue technique and equipment in Europe. In about 1950 the German-American immigrant Wolf Bauer brought a copy of the film back to Seattle, and this became the inspiration for development of mountain rescue in the US during the 1950’s..

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Das abenteuerliche Leben des KURT BEAM aus Wien

Sie finden ganz unten den Link zur Galerie mit Bildern aus dem Leben des Bergrettungspioniers ...
Amerikanische Bergretter mit starken Wurzeln in Europa, teils jüdischen - von links: Kurt Beam, Dr. Otto Trott, Al Krupp, Wolf Bauer bei einem Einsatz in den Küstenbergen hinter Seattle in den 1950er-Jahren; mit einer Hochgebirgstrage nach Tiroler Vorbild. Bild: Bob & Ira Spring.

Nehmen wir zum Beispiel auch den gebürtigen Wiener Kurt Beam, der am 1. März 1919 zur Welt kam und am 28. Juli 2006 im Alter von 87 Jahren n den USA verstarb.

. Er half - neben anderen - mit massiver Unterstützung aus Tirol beim Aufbau der amerikanischen Bergrettung. Beam ist vor einigen Jahren verstorben. Es ist uns zuvor noch gelungen, ihn an der Pazifikküste der USA für den Österreichischen Rundfunk (ORF) zu interviewen:

„Du willst wissen, wie ich meine Frau kennengelernt habe? Es war eine Tour mit dem amerikanischen Alpenverein. In den 1940er-Jahren, hier in der Nähe von Seattle. Mein Freund und ich hatten ein Zelt, Ruth nur einen Schlafsack. Ich lud sie ins Zelt ein. Sie erwiderte: Nur wenn du mich heiratest.“  

Frühling 2005. Wir sitzen in Downtown Seattle in einem Cafe, und der 1919 geborene Kurt Beam schaut über den Pudget Sound, jenen prachtvollen Fjord, der den Hafen von Seattle vor dem offenen Ozean schützt. Hinter Kränen und abgewrackten Docks leuchtet mit 4.392 Metern der Mount Rainier, angestrahlt aus Westen, bis über dem Pazifik die Nacht hereinbricht und den glühenden Ball verschluckt. „Verstehst du, warum ich damals sagte, hier bleibe ich und nirgendwo anders ?“

Zuflucht vor den Nazis: Mount Rainier, 4.392 Meter, hinter der Millionenstadt Seattle in Sichtweite des Pazifischen Ozeans - der "schneereichste Berg der Erde", wie es heißt.

Auf der Ingenieurschule in Wien (Gewerbeschule, heutige HTBL) legt sich Kurt Beam (damals hieß er als Österreicher noch Kurt Beamt, ehe er in Übersee seinen Namen amerikanisierte) in sehr jungen Jahren mit Nazis und ihrem Antisemitismus an, die schon vor 1938 in Österreich illegal ihr Unwesen treiben. Nach der Matura geht er für ein Jahr als technischer Zeichner nach Finnland und kehrt kurz nach Österreich zurück. Sein aus Mähren gebürtiger Vater betreibt eine Fabrik für Baumwollschwämme, die für die Reinigung von ölverschmierten Lokomotiven verwendet werden und sich bestens verkaufen, ehe die Nazis kommen.

Der Vater hofft, das Österreichische Bundesheer würde Hitlers Truppen bekämpfen. Nach dem Einmarsch  flüchtet Kurt über Kolumbien zum Panama-Kanal. Dort arbeitet er mit schwarzen Kollegen für die Armee der USA. Als Maler und Anstreicher, später als Manager in einem Shop.

Mit Unterstützung des amerikanischen Vizekonsuls kommt er dann nach Chicago. Bald hat er einen gutbezahlten Job bei einer Versicherung, der ihn bald nach Seattle an die gebirgige Westküste führt. Nun erinnert sich Beam mit Wehmut an frühere Touren: Rax, Schneeberg, Glocknergruppe, Stubaier, Gesäuse, Mont Blanc ...

Beam fasst Fuß an der Nordwestküste

Gebirgler des Pacific Northwest mit Gast aus den Alpen. Von links: Peter Mathews (US-Mountain Rescue), Dee Molenaar (Bergführer von Robert Kennedy, Erschließer auf dem Mount St. Elias in Alaska), Pete Schoening (Erstbesteiger des Hidden Peak / Gasherbrum 1 in Pakistan), Gerald Lehner (ÖBRD). Bild: Tom Hornbein (erste Everest-Überschreitung, 1963).

Der amerikanische Alpinist, Künstler und Autor Dee Molenaar lädt Kurt Beam zu Besteigungen von Mount Rainier  und Mount Baker ein. Damit ist es um Beam geschehen. Er kommt mit Bergsteiger-Stars des pazifischen Nordwestens in Kontakt, die bis in die sechziger und siebziger Jahre Geschichte schreiben: Peter Schoening als Erstbesteiger von Gasherbrum I, sechsfacher Lebensretter auf dem K2, Tom Hornbein, erster Überschreiter des Everest, Cornelius Molenaar, mit seinem Bruder Dee ein zäher Erschließer Alaskas.

Die Söhne eines eingewanderten Holländers vollenden eine neue Route auf den berüchtigten Mount St. Elias, vom Strand des Pazifik der höchste direkte Anstieg auf Erden. Dee ist obendrein Bergführer von Robert Kennedy, mit dem er zu Ehren des ermordeten John F. Kennedy den Mount Kennedy erstbesteigt. Nicht zu vergessen Lou, Jim und Peter Whittaker aus Seattle, das berühmte Triumviratum vieler Sternstunden zwischen Himalaya und Amerika.

Der junge Österreicher Beam beim Skifahren in Idaho - wenige Jahre nach seiner Flucht nach Amerika.

„An den Amerikanern hat mir immer gefallen, daß sie Berge mehr als Lebensraum betrachten, Freundschaften pflegen, nicht prahlen und Scherze über sich selbst machen“, sagt Kurt Beam, „das unterscheidet sie von den Alpen.“ Der Wiener verlegt sich ab 1947 auf das Bergrettungswesen. Auf den zwölf Gletschervulkanen an der Pazifikküste zwischen dem nördlichen Kalifornien, Oregon, State of Washington und British Columbia in Kanada gibt es damals kein effizientes System.

Die küstennahen Regionen der Cascades, wie die Vulkankette genannt wird, dienen Millionen Stadtbewohnern als Erholungsraum für Sommer und Winter: Vancouver, Seattle, Tacoma, Portland, San Francisco. Gipfelhöhen bewegen sich zwischen 2.550 (Mount St. Helens) und 4.392 Metern (Mount Rainier).  

Es gibt schon vor 1945 einige Skilifte, und so beginnt Beam kurz nach seiner Ankunft in Seattle als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Pistenrettung. Dann wird er Mitglied der freiwilligen Mountain Rescue in den Gebieten von Mount Baker, Mount Rainier, Snoqualmie Peak und Chinook Pass. Entsetzt über den schlechten Stand der Ausbildung nimmt Beam wenige Jahre nach Kriegsende wieder Kontakt mit der alten Heimat auf.  Er verzeiht Österreich manche Brutalität, die ihm von Nazis angetan worden war. Beam richtet den Blick nach vorne und möchte Freundschaften aufbauen. 

Bis ins hohe Alter war Kurt Beam (1919 - 2006) gern auf Ski unterwegs.

In Tirol arbeiten Pioniere, die lange Erfahrung haben und ständig nach Innovationen suchen. Und auch der Bayer Ludwig Gramminger hat in der Zwischenkriegszeit erstklassige Methoden zur Bergung von Verletzten aus steilem Fels entwickelt und bei Bergungsversuchen in der Nordwand des Eiger erprobt. 1939 folgt der legendäre „Gramminger-Sitz“ zum Abseilen. 1943 lernt er Wastl Mariner bei den Gebirgsjägern von St. Johann in Tirol kennen. Bald nach Kriegsende kommt in den Alpen das von Gramminger entwickelte Stahlseilgerät auf breiter Basis zum Einsatz.  

Kurt Beam, dem ehemaligen Flüchtling aus Wien, fällt Mariners legendäres Buch „Neuzeitliche Bergrettungstechnik“ in die Hände. Beam wird vom amerikanischen Dachverband als offizieller Verbindungsmann nach Österreich geschickt. Erste Treffen finden 1950 in Innsbruck statt. 

Wastl Mariner in dem Film von 1948.

In Kooperation mit dem deutschstämmigen Amerikaner Wolf Bauer aus Oberbayern besorgt Beam moderne Eispickel und Sicherungsmaterial im Stubaital sowie einen Akja der Tiroler Bergrettung.

Der Einsatz des nordischen Rettungsschlittens geht auf ehemalige Gebirgsjäger der Hitler-Wehrmacht zurück, die an der Eismeerfront Finnlands erste Erfahrungen damit gesammelt hatten. Kurt Beam nimmt viel Material von Tirol nach Seattle mit, um mit Schulungen zu beginnen und die alpine Ausrüstung für den Nordwesten anzupassen. 

Kurz vor seinem Tod erhielt der hochbetagte Beam noch eine Einladung nach Europa - vom österreichischen Bundespräsidenten HEINZ FISCHER, selbst ein Alpinist von echtem Schrot und Korn. Bergrettungspionier Beam erhielt in der Wiener Hofburg das Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, was den Amerikaner sehr glücklich machte - besonders vor dem Hintergrund seiner Vertreibung aus Wien im Jahr 1938 durch die Nationalsozialisten.

Dann macht er sich an die Übersetzung von Mariners Lehrbuch ins Amerikanische, gemeinsam mit Dr. Otto Trott, einem Unfallchirurgen jüdisch-deutscher Abstammung, der in Bellingham bei Seattle arbeitet.

Eine Spezialität und besondere Härte in nordamerikanischen Wildnisgebieten sind lange Transportwege, die bei Verletzten enorme Schwellungen zur Folge haben. Hubschrauber kommen in dieser Zeit noch kaum zum Einsatz. Beam entwickelt eine offene Schiene, die nicht auf Wunden drückt und ihren Zweck erfüllt.

Sohn lehrt in Colorado

Sein Sohn trägt den gleichen Namen wie der am 28. Juli 2006 verstorbene Austro-Amerikaner. Er hat studiert: Dr. Kurt Beam ist Arzt und Professor für Physiologie und Biophysik an der Universität von Denver im gebirgigen US-Bundesstaat Colorado.

Aus dem Leben des Bergrettungspioniers: BILDER-GALERIE


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Links:

"Einsatztaktik einst und jetzt"
Entwicklung der Bergrettung seit 100 Jahren
(von Matthias Gruber, ehemaliger Landesleiter des ÖBRD Salzburg)

"Eighty Years on the Sharp End":
Bergrettungspionier Wolf Bauer
(von Lowell Skoog, Feature im Northwest Mountaineering Journal)

"Die Meditation des Verschwindens"
Entwicklung der Bergrettung am Pazifik und in Alaska
(von Gerald Lehner, Manuskript für das Jahrbuch des Österreichischen Alpenvereins als PDF, Story erschienen 2006)