Bergrettung sucht Frauen
Der Bergrettungsdienst (ÖBRD) bemüht sich um weibliche Mitglieder: Rund 200 Bergretterinnen gibt es derzeit bundesweit in Österreich. Bei rund 11.000 Mitgliedern sind das noch sehr wenige. Der ÖBRD ermutigt Sportlerinnen zur Mitarbeit.
Von Johannes Bruckenberger (APA) & Gerald Lehner
"Houston, wir haben ein Problem!", könnte man - in Abwandlung eines Funkspruches der beinahe verunglückten Apollo 13-Raumfluges der NASA zum Mond (1970) - auch bei der Bergrettung sagen, wenn es um das Thema Frauen bei den Einsatzkräften geht. Über viele Jahrzehnte war das Rettungswesen in den Bergen ein fast völlig unbefrautes Flugobjekt (UFO) - nicht zuletzt aus frauenfeindlichen Anfängen mancher alpiner Vereine und aus der Propaganda der nationalsozialistischen Zeit heraus. In der Zeit des Kalten Krieges während der 1950er-Jahre verstärkten sich solche Vorurteile noch: "Frauen an den Herd, das schwache Geschlecht ausschließlich zu den Kindern", hieß es damals unter Männern, die nur selten ganz so stark waren, wie es erschien. Und noch heute bekommen Alleingängerinnen an Wochenenden in den Bergen mitunter zu hören: "Warum bist du nicht zu Hause? Wer kocht bei euch daheim? Wahrscheinlich kriegst eh keinen Mann, wennst allein unterwegs sein kannst."
Nicht hinter dem Mond
Zustände von einst ändern sich längst auch im Österreichischen Bergrettungsdienst grundlegend und auf breiter Basis; etwas zaghaft noch mancherorts, aber dennoch stetig: "Noch immer gibt es Ortsstellen und Regionen, wo einzelne Platzhirschen jede Aufnahme einer Frau beim ÖBRD zu verhindern trachten. Gottseidank leben alle leitenden Fachkräfte der Bergrettung in ganz Österreich längst nicht mehr hinter dem Mond. Sie befürworten und fördern die Ausbildung und Aufnahme von Frauen", sagt ein Ausbildungsleiter in Tirol: "Wir brauchen schlicht und einfach wesentlich mehr Frauen bei den Einsatzkräften."
Gute Erfahrungen
Der Ausbilder der Bergrettung kann manche Vorurteile nicht mehr hören: "Von wegen zu schwach oder zu chaotisch? Oft sind es ältere Semester, die sich gegen Frauen wenden, weil sie sich davor fürchten, dass eine Anwärterin oder Bergrettungsfrau wesentlich besser klettert oder konditionell besser beisammen ist als viele Männer. Und das ist in der Tat nicht selten der Fall bei unseren Kandidatinnen."
"Wir können froh sein, dass immer mehr Frauen in der Bergrettung aktiv und ehrenamtlich zum Wohl der Allgemeinheit einsatzbereit sind", bestätigt Reinhold Dörflinger, Präsident des ÖBRD-Bundesverbandes. Wie Männer müssen auch Frauen die anspruchsvolle und österreichweit genormte Ausbildung mit mehrwöchigen Kurs-Modulen absolvieren. Voraussetzungen sind Kondition, klettertechnisches Können und alpinistische Erfahrung.
Tirol und Steiermark: "Stolz auf Ortsstellenleiterinnen"
Laut Dörflinger soll die Entwicklung anhalten und die Offenheit in den eigenen Reihen fördern:
"Warum sollen nicht auch Frauen in der Bergrettung sein. Ich war da immer offen. Zwar gibt es bei verschiedenen Ortsgruppen der Bergrettung und vor allem in der älteren Generation der Helfer einige Vorbehalte gegen weibliche Mitglieder. Ich spüre jedoch auf breiterer Basis einen Meinungswandel. Auch in Tirol, wo man sich bis vor einigen Jahren mit Händen und Füßen gewehrt hat, können Frauen inzwischen problemlos zur Bergrettung gehen. Wir haben in Stainach am Brenner mit Anna Pirchner die erste Ortsstellenleiterin Österreichs - bei einer Gesamtzahl von 292 Stützpunkten. Auf diese Frau - obendrein eine ausgebildete Psychologin - können wir stolz sein. Ebenso im steirischen Weiz auf Gerti Perdacher, die seit November 2006 dort die Ortsstelle leitet. Es geht vorwärts in dieser Richtung."
Staatlich geprüfte Bergführerin und Flugretterin
Dass Frauen in der Welt der Bergretter sehr wohl reüssieren können, zeigt zum Beispiel auch die Salzburgerin Andrea Dabernig. Die Anästhesie-Krankenschwester des Krankenhauses Schwarzach ist seit langem privat als Extrembergsteigerin unterwegs, wurde zu Beginn sehr stark von ihrem früheren Mann motiviert und gefördert, der sie auch zur Bergrettung brachte.
Seit 1999 gehört Dabernig offiziell zur Ortsstelle Bischofshofen (Pongau) und stand vor ihrer Babypause viele Jahre als Flugretterin des ÖBRD bei Hubschrauber-Einsätzen sowie als Ausbilderin von Bergrettungsleuten im Einsatz.
Warum 50 Prozent der Menschen ausgrenzen?
Darüber hinaus hat Dabernig vor einigen Monaten die harte Ausbildung der staatlich geprüften Bergführer geschafft. Auch die Zahl der Bergführerinnen ist in Österreich im internationalen Vergleich noch immer gering. "Frauen agieren auch beim Thema Risiko-Management vom Empfinden her anders", zeigt sich Dabernig überzeugt:
"Das betrifft auch den Umgang mit Unfallopfern. Ich sehe nicht ein, warum in einer Organisation, die auf Mitgefühl mit Opfern basiert, 50 Prozent der Bevölkerung keine Chance haben sollten. Bei rein körperlicher Kraft sind wir Männern natürlich unterlegen. Aber Frauen können bei entsprechendem Talent viel Physisches mit Hirnschmalz, Ausdauer, Technik-Training und mentalen Fähigkeiten aufwiegen."

- Watzmann seitenverkehrt :-))
Vertrauen
Auch wenn manche Bergretter mit selbstbewussten Frauen noch Probleme hätten, sie selbst sei mittlerweile im Bischofshofener Team "voll integriert und akzeptiert". In Summe müssten sich Frauen auch in der Bergrettung "viel stärker behaupten" als Männer. Man traue einer Frau generell weniger zu. Dabernig sieht aber Hoffnung am Horizont: Vor allem jüngere Generationen der Bergretter sei inzwischen "sehr offen und kooperativ".
Kommen Sie zu uns ...
Wenn Sie eine sportliche Frau sind, die sich weiterbilden und gegebenenfalls auch körperlich gut trainieren will und kann, bitte melden Sie sich bei einer unserer sieben Landesleitungen für die Aufnahme in den Österreichischen Bergrettungsdienst …
ÖBRD-Pionier Kurt Dellisch über Frauen in der Bergrettung
Apollo 13 auf Wikipedia: "Houston, wir haben ein Problem ..."









