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In der Bergrettung gibt es noch immer viel zu wenig Frauen. Sie sind ein wichtiges Zukunftspotential bei unseren Einsatzkräften. Bilder: Gerald Lehner

Bergrettung sucht Frauen

Der Bergrettungsdienst (ÖBRD) bemüht sich um weibliche Mitglieder: Knapp 500 Bergretterinnen gibt es derzeit bundesweit in Österreich. Bei mehr als 12.300 Mitgliedern sind das noch wenige. Der ÖBRD ermutigt deshalb Sportlerinnen zur Mitarbeit.

Von Johannes Bruckenberger (APA) & Gerald Lehner

"Houston, wir haben ein Problem!",
könnte man - in Abwandlung eines Funkspruches der beinahe verunglückten Apollo 13-Raumfluges der NASA zum Mond (1970) - auch bei der Bergrettung sagen, wenn es um das Thema Frauen bei den Einsatzkräften geht. Über viele Jahrzehnte war das Rettungswesen in den Bergen ein fast völlig unbefrautes Flugobjekt (UFO) - nicht zuletzt aus den patriarchalischen Anfängen der alpinen Vereine und später aus der Propaganda der nationalsozialistischen Zeit heraus.

In der Zeit des Kalten Krieges während der 1950er-Jahre verstärkten sich solche Vorurteile noch: "Frauen an den Herd, das schwache Geschlecht ausschließlich zu den Kindern", hieß es damals unter Männern, die nur selten ganz so stark waren, wie es erschien.

Derzeit vier Prozent Frauen im ÖBRD
Unter 100 voll ausgebildeten Bergrettungsleuten in Österreich gibt es mittlerweile vier Frauen.  Dieser - nur auf den ersten Blick noch geringe Anteil - markiert dennoch den großen Umbruch, der in den letzten 20 Jahren in einer der einst stärksten Männerdomänen stattgefunden hat und stattfindet.  In Bezug auf die im bundesweiten Vergleich sehr kleine Landesfläche halten unsere Vorarlberger beim Thema Frauen mit Abstand den Österreich-Rekord. Insgesamt gibt es in Österreich derzeit 473 Bergretterinnen, die mit Abstand meisten in Tirol. Die Gesamtstärke der ÖBRD-Einsatzkräfte beträgt mehr als 12.300. Den größten Frauen-Anteil hat die Bergrettung Niederösterreich/Wien mit ca. 7,5 Prozent. An zweiter Stelle folgt Vorarlberg mit 5,9 Prozent Frauen.

Die meisten Frauen gibt es mit 123 bei der Tiroler Bergrettung. Diese hat mit Abstand das größte Einsatzgebiet mit den meisten ÖBRD-Ortsstellen zu betreuen. Dann folgen NÖ/Wien mit 99 Bergretterinnen und Vorarlberg mit 74. In Relation zur Landesfläche hält das kleine Vorarlberg mit Abstand den bundesweiten Rekord beim Frauen-Anteil.  An vierter Stelle der absoluten Zahlen rangiert der ÖBRD Steiermark mit 70 Frauen, dann kommen Salzburg mit 57 und Kärnten mit 33. Siebenter Platz: Oberösterreich mit 17 Bergretterinnen.

Prozent-Anteile:

Den größten Frauen-Anteil hat die Bergrettung Niederösterreich/Wien mit ca. 7,5 Prozent. An zweiter Stelle folgt Vorarlberg mit 5,9 Prozent Frauen im Bergrettungsdienst. Dann kommen die Steiermark (4,1 Prozent) und Kärnten (3,45 Prozent). Die beiden sehr hochalpinen und sehr arbeitsintensiven Einsatzgebiete bzw. Bundesländer Tirol und Salzburg liegen beim Frauenanteil knapp beisammen. Wobei Salzburg an fünfter Stelle aller sieben ÖBRD-Landesleitungen mit 2,95 Prozent die Tiroler (2,81 Prozent) auf Rang sechs derzeit leicht überflügelt.  Und dann kommt Oberösterreich: 2,15 Prozent.

Bundesweiter Anteil – genaue Zahlen: 12.314 voll ausgebildete Einsatzkräfte im Österreichischen Bergrettungsdienst, davon 473 Frauen. Das ergibt einen Frauenanteil von 3,84 bzw. knapp vier Prozent.

(Stand: Frühling 2013)

Gute Erfahrungen
Ein Ausbilder der Bergrettung kann manche Vorurteile gegen Frauen nicht mehr hören: "Von wegen zu schwach oder zu chaotisch? Oft sind es ältere Semester, die sich gegen Frauen wenden, weil sie sich davor fürchten, dass eine Anwärterin oder Bergrettungsfrau wesentlich besser klettert oder konditionell besser beisammen ist als viele Männer. Und das ist in der Tat nicht selten der Fall bei unseren Kandidatinnen." 

"Wir können froh sein, dass immer mehr Frauen in der Bergrettung aktiv und ehrenamtlich zum Wohl der Allgemeinheit einsatzbereit sind", bestätigt Reinhold Dörflinger, Ehrenpräsident und früherer Präsident des ÖBRD. Wie Männer müssen auch Frauen die anspruchsvolle und österreichweit genormte Ausbildung mit mehrwöchigen Kurs-Modulen absolvieren. Voraussetzungen sind Kondition, klettertechnisches Können und alpinistische Erfahrung.

„Der Bergrettungsdienst bemüht sich in ganz Österreich seit Jahren um weibliche Mitglieder: Bei mehr als 12.300 Mitgliedern sind unsere knapp 500 Frauen noch immer sehr wenige. Der ÖBRD ermutigt deshalb Sportlerinnen gezielt zur Mitarbeit“, betont der amtierende ÖBRD-Präsident Franz Lindenberg, auch Landesleiter der Bergrettung in Niederösterreich/Wien.

Und der frühere ÖBRD-Präsident Dörflinger – einer der Pioniere in dieser Frage – sieht die Öffnung des ÖBRD für Frauen so: "Warum sollen nicht auch Frauen in der Bergrettung sein? Ich war da immer offen. Zwar gibt es bei verschiedenen Ortsstellen der Bergrettung und vor allem in der älteren Generation der Helfer einige Vorbehalte gegen weibliche Mitglieder. Ich spüre jedoch auf breiterer Basis einen Meinungswandel. Besonders auch unter der neuen ÖBRD-Führung in Tirol, wo man sich bis vor einigen Jahren mit Händen und Füßen gewehrt hat, können Frauen längst problemlos zur Bergrettung gehen. Ein paar Beispiele: Wir hatten in Steinach am Brenner mit Mag. Anna Pirchner die erste Ortsstellenleiterin Österreichs, eine ausgebildete Psychologin. Ebenso im steirischen Weiz auf Gerti Perdacher können wir stolz sein, die dort im November 2006 die Leitung der Ortsstelle übernahm. Dazu gibt es mittlerweile viele weitere Beispiele. Es geht vorwärts auch in dieser Richtung."

Und Kurt Nairz, Landesleiter der Tiroler Bergrettung, stimmt dem zu:

„Ich bin in früheren Jahren von den Leistungen der Frauen bei unseren Ausbildungskursen und auch bei harten Einsätzen zuerst überrascht gewesen. Längst bin ich schwer beeindruckt und überzeugt, dass sie Männern in keiner Weise nachstehen. Frauen leisten im teils sehr harten Rettungswesen in den Bergen gleich viel.  Zur Rolle von Frauen generell bei uns: Bergretterinnen haben mitunter mehr Diplomatie und Einfühlungsvermögen als Männer. Der Anteil der Frauen im Tiroler Bergrettungsdienst hat sich insgesamt gut entwickelt. Die ÖBRD-Landesleitung fördert zudem alle entsprechenden Bemühungen nach besten Kräften. Es ist allerdings den Ortsstellen in Gemeinden und Regionen selbst überlassen, wer in ihre jeweiligen Mannschaften passt und aufgenommen wird. Das gilt für Männer genauso. Und: Was wären auch die Welten von Beruf und Ehrenamt ohne Frauen?“

Staatl. gepr. Bergführerin, Flugretterin
Dass Frauen in der Welt der Bergretter reüssieren können, zeigt zum Beispiel auch die Salzburgerin Andrea Dabernig. Die frühere Anästhesie-Krankenschwester des Krankenhauses Schwarzach ist seit langem privat als Extrembergsteigerin unterwegs, wurde zu Beginn sehr stark von ihrem früheren Mann motiviert und gefördert, der sie auch zur Bergrettung brachte.

In späteren Jahren beendete sie nach hartem Training auch ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Berg- und Skiführerin mit Erfolg. Und schon seit 1999 gehörte Dabernig zur Ortsstelle Bischofshofen (Pongau) und stand vor ihrer Babypause viele Jahre als Flugretterin des ÖBRD bei Hubschrauber-Einsätzen sowie als Ausbilderin von Bergrettungsleuten im Einsatz. Sie lebt derzeit in Kärnten und pausiert als Flug- und Bergretterin, arbeitet jedoch als professionelle Berg- und Skiführerin. 

PR-Referentin, Suchhundeführerin
Weiteres Beispiel ist die ehrenamtliche Salzburger Bergretterin und Suchhundeführerin Mag. Maria Riedler in Bischofshofen (Pongau), auch Diplomkrankenschwester, im weiteren Bildungsweg dann noch Journalistin und Kommunikationswissenschafterin. Sie ist auch Fachreferentin für Öffentlichkeitsarbeit der ÖBRD-Landesleitung Salzburg, seit vielen Jahren neben ihrer praktischen Einsatztätigkeit in der Bergrettung (besonders Lawinen und Suchaktionen mit Hunde-Einsatz) auch in diesem Fachbereich erfolgreich tätig.

Frauen & Risiko-Management
Auch die Zahl der staatlich geprüften Berg- und Skiführerinnen ist in Österreich im internationalen Vergleich noch immer gering. "Frauen agieren auch beim Thema Risiko-Management in extremen Situationen vom Empfinden her anders", zeigt sich die Berg- und Skiführerin und ehrenamtliche Bergretterin Andrea Dabernig überzeugt:

"Das betrifft auch den Umgang mit Unfallopfern. Ich sehe nicht ein, warum in einer Organisation, die mit Edelweiß und grünem Kreuz auf christlichem Mitgefühl für Unfallopfer und Leute in Not basiert, 50 Prozent der Bevölkerung keine Chance haben sollten. Bei rein körperlicher Kraft sind wir Männern natürlich unterlegen. Aber Frauen können bei entsprechendem Talent viel Physisches mit Intelligenz, Ausdauer, körperlicher Koordinationsfähigkeit, sportlicher Beweglichkeit, Technik-Training und mentalen Fähigkeiten aufwiegen."

Watzmann seitenverkehrt, aufgenommen von Anif. Bild: Gerald Lehner
Watzmann seitenverkehrt :-))

Kommen Sie zu uns ...

Wenn Sie eine sportliche Frau sind, die sich weiterbilden und gegebenenfalls auch körperlich gut und hart trainieren will und kann, bitte melden Sie sich bei einer unserer sieben Landesleitungen für die Aufnahme in den Österreichischen Bergrettungsdienst …

ÖBRD-Pionier Kurt Dellisch über Frauen in der Bergrettung