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Segen und Fluch des EHRENAMTES

Hohe Steuerbelastung für den Mittelstand, vergleichsweise wenig Last für Reiche und kaum frei verfügbares Geld in allen Staatstöpfen, dazu eine immer größere Sparwut von Politikern. Lobt der Staat „seine“ Ehrenamtlichen im „Jahr der Freiwilligen“ auch deshalb, weil er seine ureigenen Aufgaben noch stärker abwälzen will?

Von Franz Lindenberg & Gerald Lehner

Schon in der Antike Griechenlands mussten sich freie Bürger ihr Ehrenamt leisten können. Und was müsste der moderne Staat tun, um die Arbeit von Freiwilligen zu fördern - nicht nur zu loben? Viel. Zumindest mehr als jetzt.

Ehrenamt 2011. Jahr des Ehrenamtes. Jahr der Freiwilligen. Ehren. Amt. Das Ehrenamt besteht aus zwei Wörtern, die im neoliberalen Spätkapitalismus aus der Mode gekommen sind. Wer legt in einer Zeit der permanenten Leistungsoptimierung,  der zunehmenden Gewinnoptimierung im Finanz- und Wirtschaftsbereich und dem damit verbundenen Druck heute noch Wert auf Ehre? Was ist Ehre? Und wer hätte im grenzenlos-globalen Spektakel der Geldgeschäfte noch Respekt vor Ämtern? Amtsstuben, Bürokratie und Paragraphendschungel wären weitere Assoziationen.

Mit der Bergrettung haben diese Begriffe wenig bis nichts zu tun. Hier sind beständiges Training, unbürokratische Schlagkraft, taktisches Geschick, hohe Effizienz (auch im monetären Sinne) sowie geistige und sportliche Hochleistungen gefragt. Und was ist mit der Ehre? Tatsache ist, dass es nur wenige Institutionen gibt, die in alpinen Regionen bei Einheimischen und Gästen ein so gutes Image haben wie die Bergrettung. Also doch Ehre. Verdient oder unverdient? Ohne ein bisschen Ehre wäre der Bergrettungsdienst wirklich nicht sehr erfüllend. Um halb elf in der Nacht raus auf Suchaktion, weil einige Leute aus Bergnot ins Tal geholt werden müssen, bevor sie erfrieren?

Ehre im Ehrenamt reicht nicht
Szenenwechsel. Wir legen dem Steuerberater ein paar Belege vor, die er für ehrenamtliche Tätigkeit bei der Bergrettung von der Steuer absetzen soll. Er lacht. Ihr kennt unseren Staat schlecht, sagt er. War ja nur eine Idee. Aber keine so dumme, wie wir später im Gespräch mit anderen Bergrettern herausfinden. Auch die haben es schon probiert, oft daran gedacht. Doch tote Hose. Das muss sich künftig ändern.

1. Wir wollen nicht nur gelobt werden. Wir wollen als ausgebildetes Fachpersonal einer staatlich bzw. gesetzlich anerkannten Rettungsorganisation auch persönliche Ausgaben für unser  Ehrenamt von der Steuer absetzen können. Zumindest einen Freibetrag muss es geben.
 
Ein „Idiot“, wer sich engagiert?

Glaubt man den alten Griechen vor Jahrtausenden, dann sind Leute, die sich NICHT ehrenamtlich engagieren, regelrechte Idioten. Da Sklaven (und Frauen) die produktiven Arbeiten ausführten, verfügten nur die freien männlichen Bürger über genügend freie Zeit dafür. Wer an Versammlungen nicht teilnahm und sich auch den Angelegenheiten des Gemeinwesens verweigerte, war ein „idiótes“, also ein Privatmensch: „Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger“, formulierte es der Athener Perikles (im Doppelbild unten links) etwa 500 vor Christus.

Mit „Stadt“ (= Polis) ist in diesem Zusammenhang die Gesellschaft insgesamt gemeint, denn Griechenland bestand damals aus Stadtstaaten. Schon in der Antike – auch bei den Römern - war es Sache der freien männlichen Bürger, sich für das Gemeinwesen zu interessieren, für dessen Wohl sich zu engagieren und in den Versammlungen über die Belange der Gesellschaft zu diskutieren.

Aus diesen Betrachtungen wird deutlich, dass man sich schon damals das Ehrenamt leisten können musste – durch genügend freie Zeit dafür. Gleichzeitig musste über den Erwerb (vorwiegend durch Frauen und Sklaven) genug Geld vorhanden sein, um das Dasein gut fristen zu können. Das gilt bis heute. Warum wohl haben wir heute bei den Einsatzkräften so wenige Alleinerzieherinnen? Weil sie zu den gesellschaftlich am stärksten vernachlässigten Gruppen gehören.

Alleinerzieherinnen haben sehr geringe Einkommen sowie sehr hohe berufliche wie private Belastungen. Da bleibt wenig Platz fürs Ehrenamt. Der Blick nach Deutschland zeigt, dass es dort zumindest erste Ansätze gibt. Bestimmte Bereiche der ehrenamtlichen Fachbereiche sind bereits seit Jahrzehnten steuerlich begünstigt – wenngleich die Rettungsorganisationen auch dort noch nicht einbezogen sind. 

Bild: Frauen im Bergrettungsdienst

In Berlin gibt es ein Gesetz zur Jugendhilfe. Darin ist festgeschrieben, dass alle öffentlich Bediensteten – deren Interesse vorausgesetzt - wöchentlich einige Stunden für Jugendarbeit freizustellen sind. Diese Zeiten können auch geblockt beantragt werden – zum Beispiel für Sommerferienlager zugunsten benachteiligter Kinder und Jugendlicher. In Deutschland gibt es auch Steuerfreiheit für Aufwandsentschädigungen, die an ehrenamtliche Mitarbeiter ausbezahlt werden.

Daneben sind Einkünfte aus nebenberuflichen Tätigkeiten als Ausbilder, Erzieher, Betreuer oder Pfleger alter, kranker oder behinderter Menschen steuerfrei – wenn diese Arbeiten im Dienst oder Auftrag einer juristischen Person des öffentlichen Rechts oder einer gemeinnützigen bzw. mildtätigen Institution erbracht werden.

Aristoteles (rechts im Doppelbild oben) definierte das Ehrenamt als Freigiebigkeit, wobei die Größe des erbrachten Opfers in Relation mit dem betriebenen Aufwand gesetzt werden muss. Auch im Römischen Reich und später in den italienischen Städterepubliken, die sich in Religion und Moral an der griechischen Philosophie orientierten, war die Tugend der aktiven Bürgerschaft, sich für das Gemeinwohl zu engagieren, stark ausgeprägt.

Grünes Kreuz mit Edelweiß – Symbol des Mitgefühls
Diese schönen, bewährten Aufnäher, Sticker und Aufkleber: Das Symbol Jesu begleitet uns bei allen Übungen und Einsätzen. Das grüne Kreuz mit Edelweiß symbolisiert Nächstenliebe unter extremen meteorologischen und topografischen Bedingungen. Das passt. Eine sehr starke historische Wurzel des Ehrenamtes  findet sich in der christlichen Tradition.

Schon im Mittelalter wurde es durch die Versorgung von Alten, Verletzten, Kranken und Armen umgesetzt. So verpflichtete sich etwa der zunächst als Ritterorden gegründete Johanniterorden - der seit 1099 in Jerusalem ein Spital für Arme, Alte und Kranke unterhielt - den christlichen Glauben zu wahren und Notleidenden zu helfen.

Selbst ein noch so jugendlich-aktiver Bergretter sollte im Kopf gelegentlich diese Seite wechseln. Niemand ist davor gefeit, arm, alt und/oder krank zu werden. Die aktuelle Pensionsdiskussion ist ohnehin eine Schocktherpaie – zumindest für die meisten Jüngeren. Was wird aus heutigen Bergrettern, wenn sie alt sind? Wenn sie sich über die Jahrzehnte Tausende Einsatz- und Übungsstunden zu allen Tages-, Nacht- und Jahreszeiten um die Ohren geschlagen haben. Und dann heißt es mit 70 bei der Antragstellung für die Pension: Tut uns leid, zu wenig Versicherungszeiten.

2. Wir wollen nicht nur gelobt werden. Wir wollen als ausgebildetes Fachpersonal einer staatlich bzw. gesetzlich anerkannten Rettungsorganisation auch im Pensionssystem berücksichtigt werden. Bei Fehlzeiten zu Pensionsantritt muss eine lange ehrenamtliche Tätigkeit zumindest in Teilen eingerechnet werden können – wie auch immer.   

Job weg, Geld weg oder ganze Firma weg? Das Arbeits- und Wirtschaftsleben ist kein Honiglecken. Und es wird für alle Beteiligten immer härter – ob als Dienstnehmer oder als Arbeitgeber eines kleinen oder mittleren Betriebes in der freien Wirtschaft. Besonders in urbanen oder stadtnahen Regionen wird es für ehrenamtliche Rettungskräfte oder Feuerwehrleute immer schwieriger, während ihrer Dienstzeiten in Einsätze zu gehen oder Leitungsfunktionen zu übernehmen. Zunehmend haben Arbeitgeber größerer Gesellschaften oder von Konzernen kein Verständnis für ein solches Engagement ihrer Mitarbeiter.

Auf dem Land bei Klein- und Mittelbetrieben wäre die Lage noch nicht so ernst, berichten Kenner der Szenen. Hier sind Firmenchefs oft selbst bei Feuerwehr, Rotem Kreuz oder Bergrettung.  Dennoch bleibt die Frage: Was können der Staat, die Länder und Gemeinden tun, um die Services ihrer Ehrenamtlichen zu stärken? Wie kann, so wie in diesem Fall, das höchste Gut, die „Zeit“, für ehrenamtlich tätige besser handhabbar gemacht werden?

3. Wir wollen nicht nur gelobt werden. Wir wollen als ausgebildetes Fachpersonal einer staatlich bzw. gesetzlich anerkannten Rettungsorganisation vom Staat auch in unseren Arbeitswelten unterstützt werden. Bei Bedarf sollten Arbeitgeber gewisse Beträge für Fehlzeiten zugeschossen bekommen, in denen ihre Mitarbeiter ehrenamtlich für das Gemeinwohl im Einsatz stehen.

Die „Sache des Volkes“ (= res publica bzw. die daraus entstehende Staatsform der Republik) wurde im Zuge von Renaissance und Aufklärung ein Gegenmodell zu den alles beherrschenden Monarchien in Europas Fürstentümern und Reichsgebieten. Das Ehrenamt für das Gemeinwohl ist ideengeschichtlich eine Folge des republikanischen Gedankens. 

Mit der weiteren Entwicklung des Bürgertums im 19. Jahrhundert lösten Industrialisierung, ökonomische Produktivität und Arbeit das Ideal des Gemeinwohls mehr und mehr ab. Ein tugendhafter Mensch wurde nicht mehr von seiner öffentlichen, für das Gemeinwohl einstehenden Tätigkeit her definiert. Er musste geschäftlich Erfolg haben oder seinem Arbeitgeber genügend Gewinn bringen. Während dieser Zeit begannen sich die bürgerlichen Gesellschaften mehr und mehr als reine Interessengesellschaften zu verstehen. Der ursprünglich politische Freiheitsbegriff wurde auf die wirtschaftliche Freiheit reduziert, die eigenen ökonomischen Interessen durchzusetzen.

In einigen Bundesländern Deutschlands – zum Beispiel in Hessen stark ausgeprägt - gibt es im Rahmen der ehrenamtlichen Kinder- und Jugendhilfe einen Anspruch auf Dienstfreistellung gegenüber Arbeitgebern. Die Lohnfortzahlung erfolgt durch Geld aus den Landeshaushalten. Weitere anfallende Kosten werden den Arbeitgebern auch aus den Landeshaushalten ersetzt.

In Österreich und anderen EU-Staaten ist die Tendenz, dass der Staat seine ureigenen Aufgaben immer stärker „privatisieren“ und damit (auch) an Freiwillige auslagern will, ungebrochen. Eine Folge der neoliberalen Politik der letzten zehn bis 15 Jahre, die weite Teile der westlichen Welt prägt. Ehrenamt kann aber nicht nur aus Ehre bestehen, gefordert ist auch eine angemessene Unterstützung durch den Staat.

Schreiben Sie uns: sar@gmx.org
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Autoren:
- Franz Lindenberg ist Berufsoffizier (dzt. Oberst) beim Österreichischen Bundesheer. Ehrenämter: Präsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes (ÖBRD) sowie Landesleiter des ÖBRD in Niederösterreich/Wien.
- Gerald Lehner ist Journalist, Autor, Filmemacher und ORF-Redakteur. Ehrenämter: Fachreferent für Öffentlichkeitsarbeit im ÖBRD-Bundesverband sowie stellv. Referent der Bergrettung Tirol.