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Leitlinien für Umgang von Bergrettern mit Öffentlichkeit und Medien

Karikatur: Thomas Wizany nach einer Idee von Gerald Lehner
Karikatur: Thomas Wizany

Von Walter Würtl 
(früherer ÖBRD-Bundesfachreferent für Lawinen)
und Gerald Lehner
(Fachreferent für Öffentlichkeitsarbeit) ...

Früher war das Bergrettungskaninchen ein Angsthase, wenn plötzlich die langen Schlangen der Reporter auftauchten. Es verzog sich und und schwieg meistens. Über Jahrzehnte konnten es sich Bergretter in einer weit ruhigeren Medienwelt leisten, sich beim medialen Ansturm von der Bildfläche zu verabschieden und den Rummel unter Scheinwerfern anderen "Helden" und Einsatzorganisationen zu überlassen.

Das hat sich massiv geändert. Deshalb müssen wir unsere Einsatzkräfte auch im professionellen und seriösen Umgang mit Medien und Öffentlichkeit schulen (also mit Ihnen und uns allen).

10 Reinheitsgebote zum Wohl von Allgemeinheit und Bergrettern

Karikaturen: Lisa Manneh
Karikaturen: Lisa Manneh

"Reinheitsgebote", Ziele für Öffentlichkeitsarbeit und Unfallverhütung: bestmöglich recherchierbare Fakten und Daten über unsere Einsätze für die Öffentlichkeit; keine Vorverurteilungen und keine Kritik an Unfallopfern. Seriöses Bild- und Filmmaterial. Keine Foto-Montagen. Keine Bilder von Verletzten und Toten in Massenmedien. Datenschutz. Maximaler Nutzen aus der Berichterstattung für Unfallverhütung, Risiko-Management und kollektive wie individuelle Lerneffekte. "Nichts ist erregender als die Wahrheit!" (Egon Erwin Kisch) - ohne Übertreibungen. Es gilt wie bei gutem Bier das Reinheitsgebot: Daten, Fakten, Mühen und Plagen der Einsatzkräfte und sonst nichts ..."  

Obwohl in Österreichs Bergen pro Jahr längst nicht so viele Menschen umkommen oder schwer verletzt werden wie in nur einer Woche auf heimischen Straßen, sind alpine Unfälle für Öffentlichkeit und Medien höchst interessant und berichtenswert.

Tatsache ist, dass ehrenamtliche Bergrettungsleute im Umgang mit professionellen Medien, die naturgemäß bei Einschaltquoten und Auflagenzahlen im harten und kommerziellen Wettbewerb stehen, nicht selten in große Probleme kommen können. Dann nämlich, wenn ihnen Reporter vorverurteilende Zitate über Unfallopfer oder Unfallhergänge oder "blutige" oder andere Fotos ohne Zustimmung von Betroffenen herauslocken. Probleme können sich auch ergeben, wenn sich Akteure des Medienwesens in den Reihen der Bergrettung für eigene kommerzielle Zwecke betätigen und ihre Rolle für den Konkurrenzkampf gegenüber anderen Medien ausspielen.

10 GEBOTE - mit Kariakturen von Lisa Manneh ...
Wir haben nun hier in humorvoller und übertreibender Form - zusammen mit der Tiroler Karikaturistin Lisa Manneh - "zehn Gebote" für gute Öffentlichkeitsarbeit, Partnerschaft und Zusammenarbeit mit Medien herausgearbeitet und zugespitzt ...

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Jeder Bergretter is praktisch eine Einmann-Elite-Truppe wie der Kevin Kostner. Drum stehen ja auch die Squaws so auf uns.“

GEBOT: Wir sind uns unserer Schlagkraft, Ausbildung, hervorragenden Kondition und Einzigartigkeit als Team bewusst: Niemand kann dort helfen, wo wir noch einsatzfähig sind.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Wahnsinn! Des wor heit wieda a irrsinnig brutaler Extrem-Einsatz!"

GEBOT: Wir arbeiten ehrenamtlich, dennoch höchst professionell, bestens ausgebildet und sehr risikobewusst – ohne das seit Jahrzehnten immer wieder bemühte Klischee der „alpinen Helden“. Wenn wir dauernd unserr Leben aufs Spiel setzen würden, wären wir hilflose Helfer, deren Ehepartner oder Lebensgefährt/inn/en mit Menschen zusammen wären, mit deren Ableben in vielen Momenten zu rechnen wäre. Das schließt die Gefährlichkeit vieler Einsätze keineswegs aus. Doch Selbstsicherung und Eigenschutz sind wichtige Motivationen bzw. generelle Voraussetzung im Bergrettungsdienst.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Unsa Medienheini - äh Fachreferent für Öffentlichkeitsarbeit - und der Lawinenreferent haben uns ganz genau gsagt, was wir tun müssen, damit Ihr uns aus der Hand fressts. Also, stellts Eure Fragen ..."

GEBOT: Wir machen uns mit Anforderungen und Regeln seriöser Medien- und Informationsarbeit  vertraut und stellen uns gegebenenfalls dem Ansturm von Reportern. Im Mittelpunkt stehen Bemühungen und Anstrengungen zur Lebensrettung und KEINE Details über Unfallopfer oder deren mutmaßliches Fehlverhalten. Ein solches zu dokumentieren wäre Aufgabe von Alpinpolizei, gerichtlich beeideten Sachverständigen, Staatsanwälten und Gerichten. Im Notfall verweisen wir für Auskünfte aus diesen Bereichen auf unsere Fachreferenten oder Einsatzleiter.

Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf fundierte Information. Wer als Einsatzorganisation diese verweigert, muss damit rechnen, dass Unwahrheiten oder (mitunter) haarsträubende Fehler oder Falschinformationen berichtet werden.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Diese Wahnsinnigen gehören alle bestraft, Leichtsinnige ins Gefängnis!“

GEBOT: Viele von uns kennen als Bergsportler selbst brenzlige Situationen. Wir engagieren uns für letzte Freiräume und hinterfragen alle Arten von Verboten und ideologischen Barrieren in den Bergen. Wir vertreten keine dogmatischen Positionen sondern sind an Austausch von sachlichen Argumenten sowie an Diskussion interessiert.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Wer so wie der auf die Brettel steht, dem erteilt der Herrgott die gerechte Strafe. Der soll liaber dahoam bleibm in Niedersachsen oder Wien.“

GEBOT: Wir analysieren Unfälle sorgfältig, ohne Zynismus, ohne Zeitdruck und leisten fundierte Beiträge zur Vorbeugung. Wir lernen aus Erfahrung und geben gesichertes Wissen weiter; keine Vorurteile und Mutmaßungen.

Wir fotografieren keine Unfallopfer, liefern keine "blutigen" Fotos von Unfallorten sondern höchstens Übersichtsbilder, um Ausmaße und Probleme von Einsätzen zu veranschaulichen. Wir bemühen uns, bei der Bereitstellung von Informations- und Medienmaterial die konstruktiven und nachhaltigen Ziele der Unfallverhütung und des Lernens im Sinn des Allgemeinwohls im Auge zu haben. Wir sind für die Menschen da und betreiben keinen Selbstzweck.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Des gschiacht dem ganz recht. Die Chirurgen werden sich freuen.“

GEBOT: Wir haben Einfühlungsvermögen in das Leid anderer und gehen respektvoll mit Menschen um - völlig unabhängig, woher sie kommen, woran sie glauben, was sie denken oder welche kulturellen Hintergründe sie haben.

 

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Sag einmal Piefke, bist denn du komplett deppert? Du bringst uns noch alle um!“

GEBOT: Wir helfen Unfallopfern, ohne diese zu verurteilen - was immer die Ursache für deren Leid sein mag. Das halten wir auch ein, wenn uns Reporter dazu drängen wollen, Unfallopfer wegen möglicher Fehler zu kritisieren. Das ist nicht unser Job. Wir wollen Lebende ins Tal bringen.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Unter uns: Bei der Suchaktion war die Feuerwehr wieder amal total planlos. Und die vom anderen Rettungsdienst sind überhaupt ...“

GEBOT: Wir beurteilen nicht öffentlich die Leistungen und Bemühungen anderer. Bei gemeinsamen Übungen oder Einsätzen in der Katastrophenhilfe werden Probleme intern und partnerschaftlich thematisiert, diskutiert und - wenn möglich - gemeinsam aus der Welt geschafft. Wir intrigieren nicht. Auch nicht in den eigenen Reihen.

Karikaturen: Lisa Manneh. Text: Gerald Lehner
„Wegen solcher Typen müssen wir unser Leben aufs Spiel setzen. Er ist zwar aus der Lawine von selber herausgekrochen, aber den Hubschrauber muss er zahlen, weil er uns net gleich angerufen hat. So ein Großeinsatz ist teuer."

GEBOT: Wir äußern uns nicht gegenüber Medien über die Kosten von Einsätzen der eigenen Leute oder anderer Partner wie Flugrettungsfirmen. Manchmal fordern Reporter medial unerfahrene Gesprächspartner zu unbedachten oder vorverurteilenden Aussagen heraus, die in folgenden Tagen für viele Probleme sorgen können.

Wir ersuchen deshalb Journalisten und Redakteure um Verständnis, dass wir uns als Bergretter im Einsatz über Kostenfragen grundsätzlich nicht unterhalten wollen. Diesen Job machen unsere Landesleitungen, Fachreferenten und Führungskräfte im Bundesverband des ÖBRD. Bei ihnen sind ALLE Informationen zu solchen Fragen zu erhalten - im Rahmen des Datenschutzes.

Bild: Diakonie Kärnten

10. GEBOT: Generell empfehlen wir allen Berg- und Wintersportlern für Aufenthalte in den Bergen eine Förderer-Partnerschaft mit der Bergrettung. Mit mindestens 22 Euro pro Jahr ist man dann Sorgen über hohe Folgekosten weitgehend los.

Vorteile für Förderer der Bergrettung

Englische Text-Version